Jens Michelsen (Hrsg.) – Andere Verhältnisse: Verständigungstexte von Homosexuellen

Jens Michelsen - Andere Verhältnisse. Verständigungstexte von Homosexuellen 01

Andere Verhältnisse: Verständigungstexte von Homosexuellen versteht sich als Anfang, als Versuch mit einem neu gewonnenen Selbstbewusstsein über die eigenen Alltagserfahrungen als homosexueller Mann zu schreiben. Ein Schreiben, das auch erst zu diesem Selbstbewusstsein führen kann. 1984 erschienen und von Jens Michelsen herausgegeben, stellen die Texte eine Bestandsaufnahme der schwulen Emanzipationsbewegung dar.

Am Anfang:‚Eine Geschichte‘. Pars pro toto für das, was noch kommt. Klaus Müller erzählt exemplarisch, was es bedeutet (oder bedeutet hat?), schwul zu sein. Er berichtet von der frühen Erkenntnis, irgendwie anders zu sein, von der fehlenden Sprache, um den verworrenen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Es ist die Geschichte von der Flucht aus dem Dorf nach Berlin, wo er in einer Diskothek zum ersten Mal sieht, wie zwei Männer miteinander tanzen. Hier lernt er die Zeichen und Codes der Subkultur kennen – und hassen. Die Begegnungen und Berührungen sind flüchtig. Alle Männer eint die „kollektive Geschichte: der Glaube, dass es keine anderen gebe.“ Wer nicht daran glaubt, eine Zukunft zu haben, kann für die eigene Geschichte nur das eine Ende erwarten.

In den Kapiteln mit verschiedenen Themenschwerpunkten berichten die Autoren von den unterschiedlichen Aspekten ihres Alltags. Die Liebe beziehungsweise die „Heimatlosigkeit der Gefühle“ steht im Zentrum von ‚Beziehungsweise andersrum‘. Bereits seit den 68ern versuchte man mit den Beziehungsmodellen zu brechen, in deren Mittelpunkt ein traditionelles Rollenbild von Mann und Frau steht. Aber ausgerechnet die mangelnden Vorbilder, die Scham vor echter Intimität zwischen zwei Männern, die über eine flüchtige Begegnung hinausgeht, trieb viele von ihnen in die Einsamkeit. Und so wird ‚vor Ort‘ deutlich, weshalb die schwulen Begegnungsstätten – die Klappe und die Subkultur – ein von den einen heiliggesprochen und von den anderen verdammt werden. Auch innerhalb eines Kollektivs muss es Dissidenz geben. Einigkeit herrscht allerdings darüber, über die eigenen Traditionen in den Austausch zu gehen. Das haben die Männer seit jeher an den Wänden der Klappen getan. Der homosexuelle Mann war also auch schon immer ein Schreibender.

Nicht nur thematisch stehen die einzelnen Texte der Autoren in Bezug zueinander, sondern auch ganz konkret. In einem Brief erzählt Raoul Hübner vom 4. Forum ‚Homosexualität und Literatur‘, wo eine Reihe von Siegmar Storz‘ Gedichten von den dort anwesenden besprochen wurde. Diese Gedichte sind Teil von Andere Verhältnisse. Aus diesem Gespräch und auch aus Klaus Müllers Text ‚Aufnahme eines Gesprächs‘ wird deutlich, dass schwule Literatur innerhalb der schwulen Emanzipationsbewegung der Versuch ist, eine Verbindung zu suchen. Literatur diente der Bildung einer kollektiven Identität als auch der Spurensicherung. Romane wie Der fromme Tanz von Klaus Mann, Georg von Siegfried Kracauer und Alf von Bruno Vogel sind der Beweis für eine schwule Geschichte, eine Geschichte, die 1984 noch geschrieben werden musste. Es sind allerdings lediglich zufällig tradierte Texte, Überbleibsel einer schwulen Subkultur aus der Weimarer Republik, die vor 40 Jahren noch nicht zu einem Bild vervollständig werden konnte.

So wird auch deutlich, dass die Ereignisse rund um Stonewall für die deutsche Bewegung ein einschneidendes Ereignis gewesen sind. Doch die in der westlichen Welt einsetzende Bewegung wird hier als ein zweiter Anlauf verstanden. Bereits vor dem Zweiten Weltkrieg gab es in Deutschland eine schwule Emanzipationsbewegung, die durch die Machtergreifung der Nationalsozialisten ein jähes Ende gefunden hat. Und diese ist auch in Vergessenheit geraten, weil Homosexualität nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges weiterhin einen Strafbestand darstellte.

In einer Textsammlung homosexueller Autoren aus dem Jahr 1984 muss unweigerlich die Frage aufkommen, was aus diesen Männern geworden ist. Josef Winkler, mit zwei kleineren Texten vertreten, hatte sich bereits vor der Veröffentlichung mit seiner Romantrilogie Das wilde Kärnten einen Namen gemacht. Lutz van Dijk wurde jüngst für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert, Thomas Stegers hat mehrere der Romane von Alan Hollinghurst ins Deutsche übersetzt. Gerd Wolter war der erste offen schwul lebende Kommunalpolitiker Deutschlands. Udo Aschenbeck hat zwei Romane veröffentlicht: Südlich von Tokio im Suhrkamp Verlag und Woll im Männerschwarm Verlag. 1995 ist er an den Folgen einer AIDS-Erkrankung gestorben. Über viele der Männer lässt sich jedoch wenig bis nichts herausfinden. Die Gründe, wieso viele dieser Geschichten in Vergessenheit geraten sind, sind vielfältig und komplex. Die AIDS Epidemie ist aber wohl eine weitere Facette dieses Vergessens.

Andere Verhältnisse berichtet von alltäglichen (Selbst-)Erfahrungen. Das Private ist politisch. Und auch deswegen werfen die Autoren immer wieder einen Blick auf die Frauenbewegung ihrer Zeit, welche die literarische Produktivität für ihre Zwecke zu nutzen wusste. Wie auch in der Frauenbewegung möchte man die Spannung von Widersprüchen und Unterschieden konstruktiv nutzen. Denn erst im Austausch wird das eigene Anderssein greifbar.

Als die Autoren die hier versammelten Texte verfasst haben, gab es keine schwule Geschichtsschreibung. Andere Verhältnisse: Verständigungstexte von Homosexuellen ist ein Versuch der Spurensicherung, eine Bestandsaufnahme und 40 Jahre später auch selbst ein Stück Geschichte.

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