Jeanette Winterson – Orangen sind nicht die einzige Frucht

Jeanette Winterson - Orangen sind nicht die einzige Frucht

Wie bewertet man einen Klassiker? Anhand seiner literarischen Qualitäten? Dem persönlichen Empfinden, welches ein objektives Urteil eh unmöglich macht? Und wie ist der Einfluss eines Werkes auf die literarische Welt zu bewerten? Dass Jeanette Wintersons Debütroman aus dem Jahr 1985 Orangen sind nicht die einzige Frucht (OT: Oranges Are Not The Only Fruit) ein Klassiker ist, steht zumindest außer Frage. Es gibt wohl keine Liste, welche die Klassiker der lesbischen Literatur küren will, die ohne den Roman auskommt. Aber wie relevant ist ein Roman knapp 35 Jahre nach seinem Erscheinen für Leser*innen von heute?

Autofiktion ist die Parole. Jeanette wächst, adoptiert von einer streng gläubigen Frau, in einer Pfingstgemeinde im Norden Englands auf. Eher salopp erzählt der Roman von Jeanettes Alltag in der Kirche und den wirren Predigten ihrer Mutter. Schließlich soll das Mädchen später Missionarin werden, und die armen Heiden in die Arme Gottes führen. Als Jeanette sich dann aber in ein Mädchen verliebt, muss sie sich zwischen der Kirche und ihren eigenen Gefühlen entscheiden. Eine Entscheidung, die – so viel darf verraten sein, schließlich steht es auch so im Klappentext – zum Bruch mit der Kirche und ihrer Mutter und einem selbstbestimmten Leben führt.

Auch wenn viele Details mit dem Leben der Autorin übereinstimmen, ist das Buch keine Biografie. Die meisten Autor*innen der queeren Literatur verarbeiten in ihren Erstlingswerken in irgendeiner Form ihre eigenen Traumata. Der Versuchung, einige Namen hier aufzulisten, widerstehe ich. Auch sonst erscheint bei der Lektüre einiges bekannt. Jeanettes Unfähigkeit, ihren romantischen Gefühlen einen Namen zu geben, das Entdeckt werden und der unausweichliche Weg von der Scham zur Selbstakzeptanz: All das sind typische Motive und Themen der queeren Literatur. Was an sich nichts Schlechtes ist. Diese universellen Erfahrungen sind einer der Gründe, warum wir (queere) Geschichten lesen. Sie helfen uns dabei, uns als Teil dieser Welt zu verstehen.

Orangen sind nicht einzige Frucht gehört seit einiger Zeit zur Pflichtlektüre an britischen Schulen. Für viele Schüler*innen wird der Roman sicherlich eine lebensbejahende Erfahrung gewesen sein. Aber – und da wären wir wieder beim persönlichen Empfinden – ab einer gewissen Lektüreerfahrung kommt der Punkt, an dem die Darstellung des Eigenen und des Universellen langweilt. Womöglich bin ich auch mit den falschen Erwartungen an das Buch getreten. Mich hätte die Zeit in Jeanettes Leben nach dem Bruch mit Kirche und Familie interessiert. Vielleicht habe ich also ganz einfach zum falschen Buch gegriffen und hätte Wintersons Autobiographie Why Be Happy When You Could Be Normal? lesen sollen. Natürlich, Orangen sind nicht die einzige Frucht hebt sich gegenüber dem Einheitsbrei literarisch hervor, Wintersons Talent ist von Anfang an da: die sich durch die Handlung ziehende Gralsgeschichte ist ein (in meinen Augen allerdings nicht ganz geglücktes) Spiel mit Fiktion und Wahrheit und spiegelt Jeanettes persönliche Reise wider. Wenn die Reise endet und sich die Wege trennen, behauptet man ja gern, es habe nicht am anderen gelegen. Ich würde sagen: Ein bisschen lag es an mir, ein bisschen am Roman.

Trotz aller Variationen ist und bleibt Orangen sind nicht die einzige Frucht ein Coming-of-Age Roman und – das mag böse klingen, entspricht aber irgendwie der Wahrheit: Wer einen gelesen hat, kennt sie alle. Trotzdem bleibt Orangen sind nicht die einzige Frucht ein wichtiger Klassiker, der seinen Status im Kanon der queeren Literatur verdient hat.

Orangen sind wahrlich nicht die einzige Frucht. Es gibt auch Clementinen. Die sehen aber zum Verwechseln ähnlich aus. Ein bisschen Variation darf es hin und wieder also schon durchaus sein.

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