I.V. Nuss – R-O-N=O

I.V. Nuss - R-O-N=O

Realität ist flüchtig, wandelbar und transformativ. Du rochst die Poppers, die schwulste aller Chemikalien, und wurdest zum Girl. Das lehren sie einen nicht in der Schule: die Hufeisentheorie des Genders. Du wusstest es selbst nicht, aber du wolltest dem Männlichen immer schon entkommen. Es ist vielleicht auch weniger ein Wissen, sondern ein den gesamten Körper erfassender Glaube an eine Zukunft, die sich ganz plötzlich strahlend offenbart, so wie der Tractor Beam eines UFOs. Das ist der Dunst: Zukunft.

Ein Rausch aus Poppers, Furrys und Fursonas, K-Holes, Dissoziation, Internetkultur, UFOs, Bären, Slurpees und dem Flirt mit dem Tod: Das ist ‚R-O-N=O‘, die chemische Formel der kleinen Fläschchen mit Amylnitrit – und der zweite Roman von I.V. Nuss.

Mit ‚R-O-N=O‘ widersetzt sich I.V. Nuss den Konventionen der Autofiktion und der klassischen trans Narrative wie dem Coming-out oder der Transition. Denn der erzählende Teil des Romans setzt danach ein und zeigt eine junge trans Frau, die nur selten ihre Wohnung verlässt, dann wenn das Licht richtig fällt oder es dunkel ist und ihr Gesicht in der Vagheit der Finsternis alle möglichen Formen annehmen kann. Sie verlässt sie, wenn sich ihr Lebensmittelvorrat dem Ende zuneigt oder sie keine Drogen mehr hat, die es ihr erlauben, zu dissoziieren, und sie loszieht, um bei Bosch ein paar Gramm Ketamin für sexuelle Gefälligkeiten einzutauschen.

Wie in den kleinen gelben Fläschchen, die umrahmt von einem roten Blitz einen ‚Rush‘ versprechen, befindet sich auch in diesem Text alles in der Schwebe. Seine Genrekonventionen sind so fließend wie die Flüssigkeit, aus welcher ihr berauschender Dampf emporsteigt. Denn ‚R-O-N=O‘ ist (im besten Sinne) eine weirde Mischung aus Autofiktion, Essay, Snuff-Fantasien, Fan-Fiction, Science-Fiction und Furry Convention: „Sie alle eint, dass ihnen der Körper nicht genügt: Sie wollen ihn erweitern, offline oder online. Dank verschiedenster Tools werden sie zu Hunden, Drachen, Pooltoys, Hybriden, tierischen Robotern oder extraterrestrischen Wieseln mit kleinen Antennen auf dem Kopf. Immer überschreiten sie Grenzen: zwischen Tier und Mensch, zwischen Frau und Mann, zwischen straight und gay, um neue Formen des Miteinanders zu schaffen.“ Und ja, das gleiche ließe sich natürlich auch über diesen Text(körper) sagen.

Queere Lust bricht sich hier immer wieder Bahn ihn Form von Szenen, die aus einem Snuff-Film stammen könnten: „Sie steht an der Grenze zwischen purer Lebensaffirmation und vollständiger Vernichtung. Die gesellschaftliche Gewalt und Häme, die generelle Lebensfeindlichkeit werden verinnerlicht und zu einem Kipppunkt der Lust transformiert.“ Doch der (metaphorische) Tod ist auch transformativ, aus ihm geht Neues hervor. Diese Verdinglichung, diese Körperlichkeit machen aus dem „Theorieungetüm“, zu dem Transness in akademischen Schriften immer wieder degradiert wird, etwas Konkretes. Das sich verflüchtigende Du (aus deren Perspektive dieser Roman geschrieben ist) wird zu einem opaken und transparenten Ich. Einem vielleicht auch etwas freieren Ich, denn immer wieder blitzt in diesen Szenen der Gewalt (ein zugegeben etwas gewöhnungsbedürftiger) Humor auf, der als Versuch zu verstehen ist, sich Freiheiten zu erschreiben.

Laut Autorinnenbiografie ist I.V. Nuss eine echte Person. Du, ich – wir alle sollten dafür dankbar sein. Denn nur die Realität, in der I.V. Nuss existiert, liefert endlich auch für den deutschsprachigen Raum einen seltsamen, lustigen und alle Konventionen herausfordernden Roman über die trans experience, der Vergleiche mit amerikanischen Vorbildern wie McKenzie Warks ‚Reverse Cowgirl‘ oder Imogen Binnies ‚Nevada‘ nicht zu scheuen braucht.

Maximal eine Minute dauert die berauschende Wirkung von Poppers. Dem Wahnsinn dieser Realität lässt sich dank ‚R-O-N=O‘ von I.V. Nuss ein langanhaltender Trip entgegensetzen.

Facebook
LinkedIn

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert