Hervé Guibert – The Mausoleum of Lovers, Journals 1976-1991

Hervé Guibert - The Mausoleum of Lovers

The Mausoleum of Lovers (Le Mausolée des amants, aus dem Französischen ins Englische von Nathanaël) von Hervé Guibert umfasst die vom Schriftsteller zwischen 1976 und 1991 geführten Tagebücher. „Für einen Schriftsteller ist die Familie eine wahre Goldgrube: anstatt seinen Erbteil einzufordern, verzichtet der Autor lieber darauf und lässt sich diesen direkt in Form von Fiktion (?) auszahlen.“, schrieb Guibert in seinem Roman Meine Eltern (Mes parents, aus dem Französischen von Katrin Thomaneck). Die Tagebücher sind Beweis, wenn man so will, dass Guibert diese Form des radikalen Schreibens auf sein gesamtes Leben übertragen hat.

Die Tagebücher beginnen als eine Reihe von Briefen an Guiberts Liebhaber ‚T.‘, ein Ort „where he could come and read, at any moment, in my absence.“ Hinter dem Kürzel steckt Thierry Jouno – der in Dem Freund, der mir das Leben nicht gerettet hat und Mitleidsprotokoll wiederum ‚Jules‘ wurde – und mit dem Guibert bis zu seinem Tod eine komplizierte und intensive Beziehung geführt hat, eine Beziehung, die auch ebenso von Hass und Erniedrigung geprägt war. Als der bisexuelle Thierry ‚C.‘ kennenlernt (Christine Guibert, ‚Berthe‘ in den Romanen) zerbricht die Beziehung wider Erwarten nicht. Die drei lernen sich miteinander zu arrangieren, auch als Christine und Thierry zwei Kinder bekommen. Die drei bilden, wie man heute sagen wurde, eine queere Wahlfamilie. Später hat AIDS aus ihnen, wie Christine Guibert in der Dokumentation La morte propagande von David Teboul selbst gesagt hat, Blutsverwandte gemacht. 1989 heiratet Christine Hervé Guibert, sie ist es auch, welche die letzten Seiten der Tagebücher abtippt und das Manuskript an den Verlag Gallimard übergibt.

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Von Anfang an ist das Tagebuch so angelegt, dass es gelesen und auch veröffentlicht werden soll. Die späteren Werke Guiberts wurden als ein Anschreiben gegen den Tod charakterisiert, auch die Tagebücher sind der Versuch gegen etwas anzuschreiben. Denn Guibert schreibt auch, um zu vergessen, sich von schmerzhaften Erinnerungen zu befreien. Gleichzeitig erlauben die Tagebücher es ihm auch, sich zu erinnern, sie sind der Quell seiner autofiktionalen Texte.

Es sind alltägliche Beobachten, über die Guibert schreibt, seine Gedanken zum Altern und zu den Büchern, die er liest. Seine Begegnungen beim Cruisen, seine Träume, Romanideen (die er teilweise schreiben, für die aber auch bald nicht mehr genug Zeit vorhanden sein wird), seine Beziehung zu Thierry und Vincent (Verrückt nach Vincent und Reise nach Marokko, aus dem Französischen von JJ Schlegel), das komplexe Verhältnis zu seinen Eltern und der Schauspielerin Isabelle Adjani (Marine in Dem Freund…), seine Tanten Suzanne und Louise, AIDS – Guibert schreibt über alles, was ihn in irgendeiner Form beschäftigt.

In The Mausoleum of Lovers finden sich bereits viele der Motive und auch die Verflechtung von Realität und Fiktion, die seine Romane auszeichnen sollten. Die Tagebücher waren, wie bereits erwähnt, von Anfang an für die Publikation bestimmt, viele der niedergeschriebenen Passagen sind bereits derart stilisiert, dass sie bereits die Form einer Erzählung angenommen haben. Die Tagebücher lassen sich am besten als Roman lesen. Ein Roman, der über dem Gesamtwerk liegt, es durchzieht und umschließt.

Die Tagebücher offenbaren einen zutiefst menschlichen Guibert, der nicht immer einfach und nicht immer sympathisch, sich seiner Unzulänglichkeiten aber durchaus bewusst war. Wer keinen der Romane Guiberts gelesen hat, wird sich in den Aufzeichnungen nur schwer zurechtfinden. Sie bieten wenig Kontext und weisen keinerlei Datierungen vor den einzelnen Einträgen auf. Alle anderen werden hier das finden, was auch die Romane Hervé Guiberts so großartig gemacht hat.

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