Herta Müller – Atemschaukel

Leopold Auberg ist 17 Jahre alt, als er im Januar 1945 in ein russisches Arbeitslager deportiert wird. Doch Leopold hat das Schweigen bereits im Nacken. Er will weg aus „der kleinen Stadt, wo alle Steine Augen hatten“, weg vom Erlenpark und dem Neptunbad, wo er sich mit fremden Männern verabredet. Sein Hirn ist taub für das Wort Lager, in dem er die nächsten fünf Jahre verbringen wird.

„Ich trage stilles Gepäck. Ich habe mich so tief und so lange ins Schweigen gepackt, ich kann mich in Worten nie auspacken. Ich packe mich nur anders ein, wenn ich rede.“

Atemschaukel basiert auf dem Leben von Oskar Pastior, einem deutschrumänischen Dichter und Übersetzer. Als Rumänien zum Ende des Zweiten Weltkrieges kapitulierte und dem vorher verbündeten Nazi-Deutschland den Krieg erklärte, verurteilte die Sowjetunion alle in Rumänien lebenden Deutschen zwischen 17 und 45 Jahren zum sogenannten Wiederaufbau. Das Thema war lange Zeit Tabu, selbst in den Familien der Betroffenen wurde nur im Flüsterton über die Zeit in den Zwangslagern gesprochen. Zu den Deportierten gehörte auch die Mutter von Herta Müller. In langen Gesprächen mit Oskar Pastior und anderen Deportierten sammelte Herta Müller das Material, um ihnen eine Stimme zu geben. Ursprünglich wollten Müller und Pastior den Roman gemeinsam schreiben, dann starb Pastior 2006 während der Frankfurter Buchmesse. Aus dem Wir wurde ein Ich. Und Herta Müller 2009 schließlich mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet.

„Diskret schaue ich mir nach der Arbeit die jungen Dienstrussen unter der Dusche an. So diskret, dass ich selbst nicht mehr weiß, warum. Die würden mich totschlagen, wenn ich es wüsste.“

Die Zeit im Lager wird nicht chronologisch oder als geordnete Handlung widergegeben. Leopold berichtet stattdessen vom Hungerengel, von der Herzschaufel, davon wie sich die Sekunden ziehen, von den Langeweilen. Es sind Momente der Atemschaukel, die Leopold auch Jahre später verfolgen und zurückholen: „Waren Heimweh und Hierbleiben überhaupt noch Gegensätze?“ Dass Leopold schwul ist, ist sicherlich Müllers Beziehung zu Pastior geschuldet. Seine Sexualität macht ihn aber auch im Lager und in den Jahren darüber hinaus zum Beobachtenden, einen von Anfang an Heimatlosen. Seine Sprache und Gedanken sind alles, was er hat.

„Ich übte beim Appell, mich beim Stillstehen zu vergessen und das Ein- und Ausatmen nicht voneinander zu trennen. Und die Augen hinaufzudrehen, ohne den Kopf zu heben. Und am Himmel eine Wolkenecke zu suchen, an die man seine Knochen hängen kann. Wenn ich mich vergessen und den himmlischen Haken gefunden hatte, hielt er mich fest. Oft gab es keine Wolke, nur einerlei Blau wie offenes Wasser.“

Wie schreibt man über das Unsagbare? Herta Müller nutzt die Grenzen der Sprache und macht diese somit auch zum Gegenstand des Romans. Es ist ein Roman über die völlige Entfremdung: von sich selbst, der Welt und den Dingen. Und in solch einer Welt bekommen nicht nur „die Dinge eine Zartheit, eine monströse, die man von ihnen nicht erwartet“, sondern auch die Sprache.

2010 wurde bekannt, dass Oskar Pastior als Spitzel für den rumänischen Geheimdienst Securitate gearbeitet hat, seinem Werk wurde „jede moralische Begründung“ abgesprochen. Mittlerweile steht fest, dass Pastior unter enormen Druck gestanden haben muss, mit der Securitate zusammenzuarbeiten, jedoch nur belanglose Informationen weitergegeben hat. Auch Herta Müller, die trotz ihrer Freundschaft, nichts wusste, zeigte sich zuerst bestürzt und wütend. Diese Gefühle sind etwas Anderem gewichen: Als Jugendlicher hatte Pastior bereits viele Jahre seines Lebens im Lager verloren. In Rumänien drohte Homosexuellen eine mehrjährige Haftstrafe. Und daher die Erkenntnis, wie erpressbar ihr Freund und Schriftstellerkollege war. Daher weichen Bestürzung und Wut der Anteilnahme und Trauer.

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