Gunther Geltinger – Benzin

Gunther Geltinger - Benzin

„Sie fahren abwechselnd. Vinz am Tag, Alexander nachts.“ Die Reise führt das Paar durch die Straßen Südafrikas, wo es „keinen anderen Weg mehr gibt, als den gemeinsamen, eine durchbrochene Linie, die grün markiert ist, in der Farbe der Hoffnung.“ Hier werden sie mit all den Rohstoffen, die ihnen abhandengekommen sind, konfrontiert: Liebe, Souveränität und Vertrauen. 

Direkt zu Beginn des Roadtrips über die Straßen fernab der Touristenfallen passiert das Unfassbare: Bei einem Unfall verletzten sie einen jungen Mann, Unami, der von nun an ihr Reiseführer ist. Sowohl Vinz als auch Alex haben ihre eigenen Gründe, warum sie den weiteren Verlauf ihrer Reise von Unami abhängig machen, der den Unfall vielleicht und vielleicht auch nicht nur vorgetäuscht hat, und mit ihm bis nach Zimbabwe reisen. Alex fürchtet die Rückkehr nach Deutschland am Ende des Urlaubs, einen Alltag, in dem sich nichts geändert hat. Vinz aber erhofft sich Stoff für seinen dritten Roman. Er ist der „gläserne Schwule“, ein Meister der Autofiktion, der wie Karl Ove Knausgård über sein eigenes Leben schreiben muss. In seinen ersten beiden Romanen hat er von er sich und seine Beziehung zu Alex seziert. Jetzt steckt nicht nur seine Beziehung in einer Krise, sondern auch sein Schreiben.

„Diese Reise war es ihnen wert. An ihrem Ende steht vielleicht ein neuer Anfang. Wenn sie sich am Flughafen von Unami verabschieden, durch die Sicherheitsschleuse gehen und ihm noch einmal zuwinken, bevor der große Schatten dieses Kontinents ihn für immer verschluckt, wird niemand ihn vermissen. Sie aber werden mit einer neuen Erfahrung von Großzügigkeit in ihre Beziehung zurückkehren. Es ist das Wesen einer richtigen Reise, dass sie kein Ziel kennt, nur die Bewegung nach vorn.“

Denn im fernen Deutschland, irgendwo in Köln, wartet der Student Manuel auf ihn. Nach über 20 Jahren Beziehung (und einer Ehe ohne echte Überzeugung, die aber rechtliche Vorteile mit sich bringt) haben sich Vinz und Alex für die offene Beziehung entschieden. Oder auch für das institutionalisierte Fremdgehen. Per schwulem Radar, auch Grindr oder Planet Romeo genannt, macht man sich überall verfügbar, preist den eigenen Körper an, trifft sich für ein paar Stunden physischen Vergnügens. Vinz hat den Fehler gemacht, sich in den wesentlich jüngeren Manuel zu verlieben. Wie soll die Beziehung weitergehen? So wie die beiden in Südafrika die auf der Landkarte eingezeichneten, sicheren Straßen verlassen haben, befinden sie sich auch in ihrer Beziehung auf einem unbekannten Pfad. Die schwule Beziehung hat eine recht kurze Geschichte, Vorbilder gibt es kaum. Dafür haben homophobe Gesetze und der Ausbruch der AIDS Epidemie gesorgt.

In Südafrika und Zimbabwe, einer Diktatur, in der Homosexualität unter Strafe steht, reist die Angst vor homophoben Angriffen mit. Die Angst ist hausgemacht, niemand feindet sie an. Trotzdem bestimmt sie jede Geste und Mimik. Doch die seiner Gegenüber vermag der sprachlose Vinz nicht zu deuten, er kann die Zeichen des ihm fremden Landes nicht verstehen. Jeder Versuch, sie sich zu eigen zu machen, ist zum Scheitern verurteilt. Was bleibt ist das Unbehagen des Weißen gegenüber einer ehemaligen Kolonie und der Versuch, sich von der Schuld zu befreien. Oder gibt es vielleicht doch so etwas wie eine neue Sprache, die zurück in die eigene Kindheit führt? Der Roman ist nicht umsonst als ABC angelegt, jedes Kapitel repräsentiert einen Buchstaben des Alphabets.

Gunther Geltingers Roman Benzin ist eine sprachliche Meisterleistung, vor der man sich verbeugen möchte. Die Sätze hinterlassen den Leser atemlos und doch kann man nicht anders, als ihnen hinterherzujagen. So manch anderer Schriftsteller wäre wohl an solch einer Motivdichte gescheitert und doch fügen sich hier alle Teile nahtlos aneinander.

Wenn Benzin die Zukunft des deutschen schwulen Romans ist, sind wir Leser gut dabei. Der Roman hat es verdient, dass ihn viele Leute lesen. Wie gut, dass Geltingers Erstlingswerke Mensch Engel und Moor bereits in meinem Regal stehen.

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