Dino Pešut – Daddy Issues

Dino Pešut - Daddy Issues

„Ich werde allen zeigen, dass ich mehr bin als eine weinerliche, verlorene Schwuchtel, ein Dichter. Ich werde nicht mehr verloren sein in Zeit und Raum. Nicht mehr zynisch. Ich werde an mich glauben, an meine Botschaft und meine Mission. Ich werde mich nicht mehr abwerten, ich werde an meinen Wert glauben, so und nicht anders. […] Ich werde mich der Epoche anpassen, eine CK-Unterhose tragen, einen Instagram-Account anlegen und dort Szenen des Überflusses posten, Kosmetik für Männer, mein neues Sixpack und ein Gucci-Kissen.“

Zagreb gleicht einem großen Spielplatz, gefüllt mit den unfähigen Kindern despotischer Mütter und kriegsverbrecherischer Väter, Peter Pans, die nicht erwachsen werden wollen – und es auch nicht müssen. Der Nachwuchs wichtiger Personen bekleidet die Chefetagen von fiktiven Arbeitsplätzen, die geschaffen wurden, um sie irgendwo unterzubringen. Hierhin kehrt der Protagonist von Dino Pešuts zweiten Roman Daddy Issues (aus dem Kroatischen von Alida Bremer) zurück. Genau sechs Monate hat er es in Berlin ausgehalten, um sich dort als Dichter zu verwirklichen, nur um festzustellen, dass es vollkommen egal ist, wo er arm und frustriert ist.

Dino Pešut beschreibt ein Leben der Resignation. Zugeknöpft, negativ, zynisch und undankbar: So wird der (scheinbar) namenlose Protagonist von einem seiner Freunde beschrieben. Er hat aufgehört sein Potenzial zu verwirklich, stattdessen arbeitet er in einem billigen Hotel an der Rezeption „und zwar deshalb, weil ich Abschlüsse in Komparatistik und Anglistik habe. Das habe ich studiert, weil ich als kleiner, prätentiöser, schwuler Junge keine anderen Talente und Interessen hatte.“

Die titelgebenden daddy issues sind in mehrerlei Hinsicht zu verstehen. Da wäre zum einem der Vater Staat, der spätestens mit einem Referendum seine Homophobie zum Ausdruck gebracht hat und viele Freund*innen des Protagonisten in die Flucht getrieben hat. Denn „in einem Land, in dem mich ein kleiner Austausch von Zärtlichkeiten in der Öffentlichkeit das Schlüsselbein kosten kann, die Schädeldecke oder das Leben“, haben diejenigen, die es sich leisten können, sich ein Leben in Berlin oder London aufgebaut. Sie sind zu privilegiert, um zu begreifen, dass es keine Kompromisse sind, welche die anderen zum Verweilen bewogen haben, sondern die Gegebenheiten des Lebens.

Goran der einstige, ältere Fuckbuddy des Erzählers, jetzt eine Art Mentor, eine Wahlfamilie – hat einen neuen Liebhaber, einen 21jährigen Twink. In dieser Dreierkonstellation droht die Wahlfamilie einen invasiven Charakter zu bekommen: „Die beiden werden mir das Gehirn durchficken und direkt auf mein kaputtes Ego abspritzen.“

Doch das Herz des Romans bildet die (nicht vorhandene) Beziehung des Protagonisten zu seinem biologischen Vater. Der tritt wieder in sein Leben, als es vielleicht schon zu spät ist. Ein Anruf verrät, dass er krank ist, womöglich sterben wird. Die Gefühle des Erzählers gegenüber seinem Vater reichen von Schuld bis hin zu Scham. Er hat in seinem Leben kaum eine Rolle gespielt, nicht nur eine emotionale Distanz hat sie getrennt, sondern auch oft eine geographische. Denn der Vater hat viele Jahre seines Lebens als schlecht bezahlter Bauarbeiter Häuser und Gebäude in anderen Ländern gebaut, die er nie benutzen würde. Seine Arbeit und sein Körper waren Ausverkaufsware.

Dino Pešuts Daddy Issues zeichnet sich dadurch aus, dass es immer wieder mit denen Klischees spielt, nur um dann mit ihnen zu brechen. Die Figur des Vaters ist nur scheinbar ein Vertreter der toxischen Männlichkeit. Er ist distanziert, emotional kalt – und kein bisschen homophob. Mit wem sein Sohn schläft, ist ihm herzlich egal, solange er glücklich ist. Wie auch seine verstorbene Frau wünschte er sich, dass der Sohn seine Zukunft selbst gestaltet, dass er frei wählt, was er studiert. Er selbst „wusste nicht, was überhaupt zur Wahl steht, deshalb konnte er nur mit den Händen arbeiten.“

In diesem Roman gibt es keine einfachen Opfer und Täter. Denn wie Dino Pešut in einem seiner schönen Sätze schreibt: Manchmal ist Sohnsein nur eine andere Bezeichnung für Rache.“ Denn fern davon ein guter Sohn oder ein Sympathieträger zu sein, ist Pešuts Protagonist seiner Fehler wegen umso menschlicher. Und bietet gerade deswegen für so manchen kleinen, prätentiösen, schwulen Jungen immenses Identifikationspotenzial. Es ist tragisch komisch und berührend, die Annäherungsversuche dieses ungleichen Vater-Sohn-Gespanns zu beobachten. Und gleichzeitig so herrlich unangenehm und cringeworthy wie eine Folge der US-Serie Girls.

Dino Pešuts Daddy Issues wird oft mit den Texten von Édouard Louis verglichen. Sei es das Thema Klasse oder der scheinbar autofiktionale Charakter des Textes – die Parallelen sind offensichtlich, sind bei näherer Betrachtung aber eher oberflächlicher Natur. Das liegt unter anderem auch daran, dass Pešut den Namen seines Protagonisten erst zum Ende des Romans verrät, zwischendurch seine Leser*innen mit Sätzen wie diesen geradezu herausfordert, den Roman autofiktional zu lesen: „Und schon wieder mein Name, vier Buchstaben, zwei Silben. Mein Name kann, wenn man ihn laut ausspricht, in sich zusammenfallen. Der erste Buchstabe beginnt hoch, und mit jedem weiteren arbeitet sich der Name tiefer in den Hals vor.“ Doch anstatt seinen Leser*innen einen eindeutig autofiktionalen Text vor die Nase zu setzen, spielt Pešut bis zum Ende vielmehr mit ihren Erwartungen.

Dem Thema Klasse und Herkunft nähert sich Pešut mit Witz und Ironie. Dass der aus einfachen Verhältnissen stammende Protagonist Komparatistik studiert hat, hat ihn nicht unbedingt zu einem besseren Menschen gemacht – oder vor seiner Herkunft gerettet. Sein Blick auf die bürgerliche Welt ist ebenso wenig vorteilhaft: Sie wird bevölkert von erwachsenen Menschen, deren Entwicklung mit 16 Jahren aufgehört hat, die ihr Leben weiterhin von Mami und Papi kontrollieren lassen, und dem Kapitalismus und der Selbstoptimierung frönen – irgendwo zwischen Smoothies, Koks, Instagram und Meditationskursen.

Mit Daddy Issues hat Dino Pešut einen filmreifen Text vorgelegt, der mühelos seine Themen verknüpft, in seiner Analyse sowohl der Vater-Sohn-Beziehung als auch der gesellschaftlichen Bedingungen beißend, aber nie empathielos ist. Pešut kommt es nicht in den Sinn, sich in Selbstmitleid zu ergießen. Und wenn sein Protagonist sich doch dazu herablässt, ist das immer zutiefst komisch. Ich habe gelacht, ich habe geweint, ich habe mich auf 224 Seiten bestens unterhalten gefühlt – und ich hätte Dino Pešut und seinem Protagonisten mindestens noch einmal genauso lang weiter zugehört.

Dino Pešut hat Drehbuch, Dramaturgie und Szenisches Schreiben in Zagreb studiert. Der (vor)letzte Panda (aus dem Kroatischen von Alida Bremer) erhielt 2018 den Deutschen Jugendtheaterpreis.

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