Christoph Geiser – Grünsee / Brachland

Ich stamme aus einer schrecklichen Familie. Mein Großvater mütterlicherseits war Schweizer Botschafter bei Hitler, meine Großmutter, seine Frau, heiratete in zweiter Ehe den Vater von James Schwarzenbach, dem ersten Schweizer Rechtspopulisten, meine Großmutter väterlicherseits war russische Jüdin und wurde in der Schweiz wahnsinnig. Aufgewachsen bin ich in Basel, umsorgt von einer diplomierten Säuglingsschwester bis ich elf war, medizinisch betreut von meinem Vater, einem Kinderarzt.

Anlass dieses lakonischen Resümees des Schweizer Schriftstellers Christoph Geiser ist seine seit 2022 im Secession Verlag erscheinende Werkausgabe. Und diese schreckliche Familie steht dann auch direkt im Zentrum von Geisers ersten beiden Romanen ‚Grünsee‘ (1978) und ‚Brachland‘ (1980). Sie bilden den Auftakt des autobiografischen Projekts ‚Rückkehr zur Herkunft‘, das er 2013 mit ‚Schöne Bescherung‘ fortgesetzt hat und im August 2026 mit ‚Die Spur des Hasen‘ zu einem Abschluss kommen wird. Aber der Reihe nach.

Das Gespenst von Canterville kommt; auf die Minute genau – er hat sich informiert. Nach einem Blick auf den Bildschirm kehren wir an den Esstisch zurück: außer ihm will niemand das Gespenst sehen – aber man hört es, vom halbdunklen Wohnzimmer her durch den Gang bis zu uns an den Tisch, mit einer tiefen traurigen Stimme; ein Gespenst wider Willen, wie alle Gespenster, das vor Jahrhunderten die Familienehre verletzt hat, bei lebendigem Leib eingemauert wurde und jetzt Leute erschrecken muss.

Beide Romane, ‚Grünsee‘ und ‚Brachland‘ beschreiben das Hadern mit der bürgerlichen Herkunft und stellen den unerhörten Versuch dar, mit dem Schweigen zu brechen. ‚Grünsee‘ beginnt direkt mit dem Scheitern dieses Versuches: 1963 kommt es in Zermatt zu einem Typhusausbruch. Hier verbringt die Familie des Ich-Erzählers in seiner Kindheit und Jugend den jährlichen Skiurlaub im Chalet der Großmutter. Sie schweigt jedoch zu den Ereignissen, als er für eine Erzählung zu recherchieren beginnt, die Diskretion macht das Sprechen unmöglich. Als ihn sein Bruder in den Ort einlädt, – in ihrer Unterkunft ist unerwarteterweise ein Bett freigeworden –, stimmt er zu. Vor Ort gerät die Recherche jedoch schnell in den Hintergrund, stattdessen entsteht das Krankheitsbild einer Familie und ihres Zerfalls. Denn während der Erzähler durch die verschneite Landschaft des Matterhorns wandert, erinnert er sich an die jährlichen Familienurlaube, dessen Teilnehmer wie bei einem Spiel von Solitaire immer weniger werden – bis der Familienkörper durch den Freitod des geliebten Cousins Pingger punktiert wird und vollends dahinsiecht.

Er hat mich noch nie besucht, und ich bin nie mit ihm allein gewesen. Eine Wildnis aus Gestrüpp – mein Vater, halb versteckt, das Gesicht abgewandt, mit irgendeiner Arbeit beschäftigt, die ich nicht erkennen kann; kein Haus, keine Nachbarhäuser, kein Dorf, keine Bahnstation, kein Telefon, kein Fluss, kein See. Ich könnte ihm helfen; gemeinsam im hohen Gras, zwischen Brombeerranken und toten Bäumen, würden wir das Brachland roden. Ich wüsste nicht, worüber reden. Ich habe ihm nie etwas erzählt und er mir auch nicht.

Das titelgebende ‚Brachland‘ steht für die im Mittelpunkt des zweiten Romans stehende Vater-Sohn-Beziehung. Auch dieser Text schwankt von Szene zu Szene zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit, in denen der Vater größtenteils abwesend und in seiner Autorität doch allgegenwertig ist. Als die Mutter während des Abendessens ein Familiengeheimnis serviert und die jüdische Herkunft der Großmutter väterlicherseits verkündet, führt er lieber den Hund spazieren als sich dem Gespräch zu stellen: „Warum erzählst du uns das erst jetzt, nachdem wir schon wissen, dass sie aus Russland stammt, dass mein Großvater sich von ihr hat scheiden lassen, dass sie angeblich verrückt und zehn Jahre lang in einem Irrenhaus gewesen ist? Das ist ja, als sei ihre jüdische Abstammung noch schlimmer.“ Und doch ist es auch dieser Vater, der die Großmutter aus der Anstalt befreit und ihr ein selbstbestimmtes Leben in Würde zu schenken versucht.

Christoph Geisers Texte sind Klassiker der Schweizer und der queeren Literatur, seine ‚Rückkehr zur Herkunft‘ wird oft als ‚Schweizer Buddenbrooks‘ bezeichnet. Der Vergleich mit Mann bietet sich an, beschreibt doch auch Geiser als homosexueller Mann den Zerfall einer bürgerlichen Familie, ein Schreiben, das mit der vorgezeichneten Karrierebiografie als Mediziner oder Jurist bricht. Doch Geiser ist radikaler, er verweigerte als überzeugter Pazifist den Kriegsdienst und ging dafür 3 Monate ins Gefängnis, er trat der kommunistischen Partei bei (mit der er Anfang der 00er Jahre wieder brach) und reiste während des Vietnamkriegs nach Hanoi. Auch seine Homosexualität verhandelte er radikal und offen wie vor ihm kaum einer in seinen Texten, angefangen mit seinem dritten Roman ‚Wüstenfahrt‘ (1983).

In ‚Grünsee‘ und ‚Brachland‘ ist das noch anders, Geiser nähert sich dem Thema zaghaft, man könnte dieses erste literarische Outing auch leicht überlesen. Denn beide Romane stellen noch die (erfolgreiche) Emanzipation von bürgerlichen Ansprüchen und Standesdünkel dar. Trotz des Versuches, damit zu brechen, liegt ein großes Schweigen über den Texten. Nichts wird von Geisers Ich-Erzähler offen ausgesprochen, die Diagnose liegt zwischen den Zeilen verborgen, in Bildern, literarischen Referenzen und der Komposition der Texte. Der Text spricht, auch wenn Geisers Figuren es nicht können.

Mit ‚Die Spur des Hasen‘ wird das Projekt ‚Rückkehr zur Herkunft‘ einen Abschluss finden – und damit auch die Werkausgabe. Die insgesamt 13 Bände umfassen alle Romane, Erzählungen sowie politische und ästhetische Schriften Christoph Geisers (alle mitsamt einem ausführlichen Nachwort), ein Werk, das sich über 60 Jahre erstreckt und selbst zur Referenz geworden ist. Das Bild der Großmeer, in dessen Gewässern die Erzählfigur zu ertrinken droht und das wir alle aus Kim de l’Horizons ‚Blutbuch‘ kennen, es findet sich bereits in Geisers zweitem Roman ‚Brachland‘. Mit der Werkausgabe hat der Secession Verlag Christoph Geisers Werk dem Vergessen entrissen und ein (Wieder)entdecken möglich gemacht, ein Unterfangen, das sich in all seiner Vielfalt und Radikalität unbedingt zu unternehmen lohnt.

Zur Inszenierung: Die Bilder sind im Café Schneckenhäuschen entstanden, es gehört zum Haus Rüschhaus in Münster. Hier hat die Dichterin Annette von Droste-Hülshoff die letzten 20 Jahre ihres Lebens verbracht.

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