Anna Herzig – Sommernachtsreigen

Anna Herzig - Sommernachtsreigen

Ikea. Dreisitzer. Mintgrüner Bezug. Früher hat die Hannerl es auf dieser Couch mit dem Bertl, ihrem Ehemann, gemacht, irgendwann dann aber auch mit dem Pawel, ihrer Affäre. Jetzt sitzen der gehörnte Ehemann und ihr ehemaliger Liebhaber auf der Couch und verlangen von ihr die Wahrheit. Verzwickte Lage!

Die Geschichte erzählt die Hannerl aber erst viel später in Istanbul, dem Ort ihrer Sehnsucht. Hier hat sie schon als junge Frau ganz richtig erkannt, dass sie eine Momentjägerin ist, dass sie irgendetwas in ihrem Leben braucht, was ihr den Atem raubt. Das ist für viele Jahre der Bertl, dann für kurze Zeit der Pawel. Aber Gefühle sind nun einmal irrational, dem Schlamassel kann man aber trotzdem rational begegnen. Indem man zum Beispiel darüber schreibt. Und so erzählt Hannerl die Geschichte der beiden Männer, die auch ihre Geschichte ist.

Eine Hand reicht die andere, wie schon in Schnitzlers Drama Reigen. Bertl und Pawel begegnen sich als Fremde an einer Wiener Bushaltestelle. Es ist nachts, man wartet auf den Nachtexpress und weil man in Wien ja nie wirklich allein ist, kommt man auch ins Gespräch. Es kommt, wie es kommen muss: die Erkenntnis, dass man mit einem Fremden mehr teilen kann als man je für möglich gehalten hat. Aber auch die Offenbarung, dass der eine erst vor wenigen Stunden mit der Ehefrau des anderen geschlafen hat. Und wie in Schnitzlers Reigen kann solch ein Dialog nur zum Koitus führen (Keine Angst, das wird direkt zu Beginn verraten).

Erzählt wird diese 160 Seiten zarte Geschichte in kurzen Szenen und Dialogen, die voller Esprit, Witz und Empathie sind. Und wie im echten Leben auch weiß man am Ende nicht so recht, ob man lachen oder weinen soll. Vielleicht ja auch beides?

Sommernachtsreigen von Anna Herzig ist eine herrlich amüsante Geschichte über Sehnsucht, Einsamkeit und die späten Neuanfänge im Leben. Das Gefühl, die Charaktere nach bereits wenigen Seiten zu kennen – das können die wenigsten Autor*innen. Anna Herzig macht das mit links. Und vielleicht bringt sie als neue Stadtschreiberin von Dortmund ja auch etwas von ihrem Wiener Schmäh und ihrer Menschlichkeit mit in das Ruhrgebiet.

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