„Die Slaouis kommen weiterhin jeden Tag an den Ort des Verschwindens, den man in eine Bastion verwandelt hatte. Sie blicken durch die Öffnungen, wo die Schießscharten eingelassen sind, auf das Meer. Sie vollführen das Ritual. Sie stehen immer noch unter Schock. Sie haben die Verschwundenen nicht vergessen. Sie beten. Sie hoffen. Sie planen immer noch ihre Rache. Sie schreien. Sie fallen hin. Sie stehen wieder auf. Sie weinen. Wieder und wieder. Mit der Zeit hatte man einen Namen für diesen traurigen und magischen Ort gefunden. Ein Mausoleum unter freiem Himmel für die Untröstlichen. Die Bastion der Tränen.“
Seit mehr als einem viertel Jahrhundert lebt Youssef in Paris, hier hat er sich eine Existenz als offen lebender Homosexueller aufgebaut. Nun kehrt er zurück nach Marokko, um auf Bitten seiner Schwestern das Erbe seiner Mutter endgültig zu regeln. ‚Die Bastion der Tränen‘ (aus dem Französischen von Astrid Bührle-Gallet) von Abdellah Taïa beschreibt eine Konfrontation mit den Geistern der Vergangenheit und der Frage, was auf das Ende der Nacht folgt: Versöhnung oder Rache?
Taïas autobiographisch geprägter Roman beschreibt ein Leben voller Armut, Gewalt, aber auch randvoll mit explosiven Leben. Und so ist auch das Verhältnis der Geschwister ambivalent. Sie schlagen und bekriegen sich, sprechen wochenlang nicht miteinander und doch gibt es Liebe zwischen ihnen. Die sechs rebellischen Schwestern lassen Youssef an ihren Strategien und Coups teilnehmen, sie sprechen offen über alles, auch vor ihrem kleinen schwulen Bruder: „Ich habe mir alles von diesen Schwestern genommen, alles bei diesen Schwestern gestohlen, um zu lernen, mein Leben zu meistern, wenn nötig zu fliehen, im richtigen Moment rote Augen zu bekommen und der richtigen Person schöne Augen zu machen. Meine homosexuelle Erziehung habe ich von meinen Schwestern.“
Und doch sind die Schwestern nicht willens, Youssef vor der Gewalt zu beschützen, die ihn jenseits der eigenen vier Wände erwartet. Es ist Najib, der ihn vor den Männern rettet, die Youssefs Feminität als Einladung verstehen, ihn schlagen und auch vergewaltigen zu dürfen. Najib wird Youssefs erster Freund und die Person, die ihm zeigt, dass er allem und jedem zum Trotz das absolut Recht hat, zu sein, was er ist. Nun, Jahre später, ist auch Najib verstorben.
‚Die Bastion der Tränen‘ stellt die Trauer der Schwestern und die Trauer um Najib einander gegenüber. Die einst rebellischen Schwestern haben sich ihren Ehemännern und den Traditionen unterworfen. Sie erklären die Trauer um die Mutter kurzerhand zur Frauensache, zu ihrem Erbe, etwas, wobei die Männer nichts zu suchen haben. So wie sich die Schwestern für die Totenrituale der Mutter verantwortlich zeigen, gilt Youssefs Verantwortung seinem schwulen Bruder: „Die Tränen wollten kein Ende nehmen. Es waren die Tränen eines ganzen Lebens. Ich weinte um Najib und um mich. Nach dem Tod meiner Eltern wurde ich nun noch einmal Waise. Der Tod eines schwulen Mannes, den ich sehr gut gekannt hatte. Den ich geliebt hatte. […] Es war, als würden mit Najib auch sämtliche anderen schwulen Männer auf der Welt demnächst sterben.“
Doch in einem gewissen Sinne hat auch Najib Youssef verraten. Einst wollte er überleben und glücklich sein, dann verließ er Youssef und wurde der Geliebte eines Obersts, dessen Verstrickungen in Drogengeschäfte ihm ein Leben in Sicherheit garantierten. Bei seiner Rückkehr muss Youssef muss feststellen, dass Salé um Najib trauert. Einst ein Aussätziger scheint er nun ein Heiliger zu sein. Doch ging es Najib wirklich um Versöhnung oder war er auf Rache aus? Und liegt es an Youssef, dem Mann zu gedenken, der Najib wirklich war? Youssef entscheidet sich, die Bastion der Tränen aufzusuchen, um sich an ihn zu erinnern.
‚Die Bastion der Tränen‘ ist ein Roman voller Ambivalenzen, der eine traumhafte Atmosphäre heraufbeschwört. Der Text ist durchzogen von Dialogen, in denen sowohl die Lebenden als auch die Toten zu Wort kommen, in dem die Toten die Lebenden in ihren Träumen besuchen. Abdellah Taïa findet für die schrecklichsten Dinge die schönsten Worte und doch ist der Text nicht zynisch, erzählt er doch von Versöhnung und dem Glauben an etwas Besserem am Ende der Nacht. ‚Die Bastion der Tränen‘ ist eine Reflexion über das Erinnern und das Vergessen, eine Reflexion über Vergebung und darüber, was wir den Toten, den Lebenden und letzten Endes uns selbst schuldig sind.
Zur Inszenierung: Das Foto ist vor dem Zwinger in Münster entstanden. Im frühen 16. Jahrhundert errichtet, gehörte der Zwinger zur historischen Stadtbefestigung und wurde während des Zweiten Weltkrieges von der Gestapo als Gefängnis und Hinrichtungsstätte verwendet. 1997 wurde die während des Krieges stark beschädigte Struktur renoviert und dient seitdem als ein Mahnmal für die Opfer der Gewalt.