Lennart Herberhold – Queere Einsamkeit, Queere Gemeinschaft

Lennart Herberhold - Queere Einsamkeit, Queere Gemeinschaft 01

Einsamkeit ist eine sehr persönliche Erfahrung. Aber gleichzeitig hat sie eine politische Seite. Wenn Rechtsextreme im Netz und auf der Straße gegen queere Menschen hetzen, dann kann das einsam machen. Wenn Orte, wo queere Jugendliche sich begegnen können, weggespart werden, wenn der Bundeskanzler die Regenbogenflagge mit einer Fahne auf einem Zirkuszelt gleichsetzt – dann ist das das Gegenteil von dem, was die schon zitierte Studie als eines der wirksamsten Mittel gegen Einsamkeit empfiehlt: gesellschaftliche Teilhabe. Je kälter der Wind durch dieses Land weht, desto enger sollten wir uns zusammenschließen.

Das Thema Einsamkeit ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen und doch ist es in seiner Wahrnehmung höchst individuell und lässt sich nur schwer vergleichen. Und doch belegen zahlreiche Studien, dass vergleichsweise viele queere Menschen davon betroffen sind. In seinem erzählenden Sachbuch ‚Queere Einsamkeit, Queere Gemeinschaft‘ von Lennart Herberhold geht der Frage nach, wie queere Menschen Einsamkeit erleben – und wie sie versuchen, dieser mit den unterschiedlichsten Formen von Gemeinschaft etwas entgegenzusetzen. Doch wie kann Solidarität, wie kann Gemeinschaft aussehen, wenn wir immer wieder betonen, was uns voneinander unterscheidet und nicht, was uns eint?

Vergleichbare Texte konzentrieren sich entweder auf die eigenen individuellen Erfahrungen oder versuchen sich als vermeintlich objektive Erzählinstanz hinter ihrem Text zu verstecken. Herberhold thematisiert die eigene Subjektivität und arbeitet mit ihr: „Ich selbst bin ein schwuler Mann Anfang fünfzig. Single. Immer noch beziehungsweise wieder auf der Suche nach Liebe. Ich wohne in Hamburg.“ Herberhold reist quer durch Deutschland und spricht mit queeren Menschen über ihre Einsamkeit. Er hört ihnen zu und ist als Autor und als Mensch an ihren Geschichten und Perspektiven interessiert – anstatt zu versuchen, diese in das Korsett einer vorgefertigten Idee oder Theorie zu pressen. Die Menschen, denen er begegnet, stammen aus den unterschiedlichsten Regionen Deutschlands, aus Berlin wie aus Beutzen. Sie sind trans, nonbinär, asexuell oder aromantisch, lesbisch, schwul, queer, und zwischen 15 und 85 Jahren alt.

Queere Einsamkeit, Queere Gemeinschaft‘ erstreckt sich, unterteilt in zwei Teile, über zahlreiche Kapitel, in dessen Zentrum in der Regel eine Begegnung steht. Auch wenn ich mir manchmal etwas mehr thematische Struktur in der Unterteilung bzw. Benennung der Kapitel gewünscht hätte, hat es mich letzten Endes überzeugt, wie Herberhold seinen Text entlang der Erzählungen seiner Protagonist*innen gestaltet und ihnen und ihren Geschichten in all ihren Ambivalenzen folgt.

Der erste Teil konzentriert sich auf das Thema Einsamkeit. Herberhold besucht die Queer AG einer Schule und zeigt, wie das Klassenzimmer aufgrund von Ausgrenzung zum Ursprungsort von Einsamkeit werden kann. Er widmet sich Themen Online-Dating und Dating-Apps, wo unsere Körper zu bloßen Konsumgütern werden, der extremen Isolation infolge der Corona-Pandemie und auch der Geschichte eines schwulen Mannes, der versuchte durch den Besuch von Chemsex-Partys seiner Einsamkeit zu entkommen.

Im zweiten Teil widmet sich Herberhold der queeren Gemeinschaft. Er besucht die Organisator*innen des CSDs in Beutzen, der von rechten Kräften massiv bedroht wurde, aber auch viel überregionale Solidarität erfahren hat, und spricht mit den Bewohner*innen verschiedener Wohngruppen-Projekte, schwuler wie auch queerer. Sie organisieren ihr Leben in Abkehr zur heteronormativen Kernfamilie und hebeln dabei das gesellschaftliche Hierarchiegefälle zwischen der ‚Familie‘ und Freund*innenschaft aus. Vor allem zeigen diese Gespräche aber, dass es nicht unbedingt die Ausgrenzungserfahrungen sind, die queere Menschen miteinander eint, sondern viel mehr das stetige Verhandeln eines neuen Miteinanders.

Lennart Herberhold stellt die unterschiedlichsten Erfahrungen von Einsamkeit gleichberechtigt nebeneinander. Gleichzeitig schafft er es, die Ambivalenz auszuhalten, dass unsere Identitäten und unsere Herkunft uns die Welt anders erfahren lassen. Gerade dieses Spannungsverhältnis macht ‚Queere Einsamkeit, Queere Gemeinschaft‘ so gewinnbringend. Denn so hart es auch sein mag, diese Brücken zu bauen, so lohnend ist es auch in Zeiten wie den unseren. Wie gut, dass es Autor*innen wie Lennart Herberhold gibt, die uns daran erinnern.

Zur Inszenierung: Die Fotos zeigen die Skulptur ‚Sketch for a Fountain‘ der New Yorker Künstlerin Nicole Eisenman: Sie stellt 5 Personen dar, die sich nicht eindeutig einem Geschlecht zuordnen lassen und rund um einen Brunnen herum entspannen. Die Skulptur steht in Münster an der Promenade neben dem ‚Liebeshügel‘, einem historischen Cruising Ort.

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