„Der Körper ist gespalten, aber Denken und Wollen müssen nicht voneinander getrennt sein. Was geschieht aber, wenn sowohl die innere als auch die äußere Welt gespalten sind? Dann akzeptiert die Aswang in ihrer Herrlichkeit, dass sich ihr Selbst vervielfacht, erst recht, wenn sich die splitternden Teile ihrer selbst im Wind zerstreuen und in ferne Winkel getragen werden, um sich der Welt zu schenken und sich mit ihr ganz neu zu verbinden.“
In einer Mischung aus historisch belegten Fakten und Mythen zeichnet ‚Das Meer der Aswang‘ von Allan N. Derain (aus dem Filipino (Tagalog) von Annette Jug) ein Porträt der Philippinen im 18. Jahrhundert. Dieses Bild erzählt von Verschleppung und Versklavung, Wechselwesen und Geisterboten, dem spanischen Kolonialismus – und der 15-jährigen Luklak, die sich eines Tages in eine krokodilhafte Aswang verwandelt.
Luklaks Leben spielt sich in mehrerlei Hinsicht in einem konstanten Dazwischen ab: Das Dorf Bariwbariw liegt zwischen der Küste, an der ihr Vater mit anderen Männern des Ortes Wache steht, nach Piraten Ausschau haltend, welche die Häuser plündern und ihre Bewohner*innen versklaven wollen, und den Bergen, in denen nur noch jene leben, die sich nicht den neuen Gesetzen unterwerfen wollen. Sie selbst dient einem Herrn und einer Herrin, Pater Obaba, der sie den Katechismus lehrt, um sie zu taufen und vor dem Flammenmeer der Hölle zu retten, und Sinilandang Bulan, eine erlauchte Dame, angeblich die Urenkelin der Törenden Teufelin Nagmalitung Yawa: „Sie ist alles, was ihnen von der sagenhaften Welt der Helden, von ihren edlen Gesängen geblieben ist.“
Ihre Verwandlung in eine Aswag beginnt nach der Verurteilung ihrer Mutter zum Tode. Ihr wird vorgeworfen, sie sei in den Mangroven mit etwas anderem als einen Menschen zusammengekommen, die seltsame Furcht ihres Leibes sei das Ergebnis dieser Zusammenkunft. Und womöglich stimmen die Gerüchte, denn vor der Urteilsvollstreckung bringt sie Luklaks Bruder zur Welt: einen ausgewachsenen Aal, ein Tier, das den Sagen nach unter dem Schutz der Götter steht und eine große Flut hervorrufen soll, unter der die ganze Welt verschwindet. Einer Stimme lauschend spießt Luklak den toten Bruder auf, brät und verschlingt ihn in Anwesenheit einer Horde hungriger Wechselwesen.
Auch die Queerness von ‚Das Meer der Aswang‘ findet sich zwischen den Zeilen, steht das Monströse doch seit jeher metaphorisch für sie ein. Mythen erzählen in der Regel von Ursprüngen, doch der Roman verweigert sich solchen Eindeutigkeiten: „Das ist wohl das Schicksal der alten Sagen: Erzählt in der Absicht, die Wahrheit über den Ursprung der Dinge deutlich zu machen, zeigen sie am Ende nur die Unmöglichkeit auf, vom Ersten und Ursprünglichen zu berichten. Die Sage ist nämlich nicht nur eine Sage über den Ursprung. Unser Begriff vom Ursprung ist selbst schon ›sagenhaft‹. Folglich hat die Geschichte von Luklak mit Sagen zu tun und ist doch keine Sage.“
Das Monströse, das Queere in Luklak ist nicht (nur) auf die Vereinigung mit ihrem Bruder zurückzuführen, auch davor zeigt sie Eigenschaften einer Aswang. Der Text unterläuft jegliche Versuche, formal wie auch inhaltlich, zu einer einheitlichen oder reinen Form von Ursprünglichkeit zurückzugelangen. Zum einem ist die Erzählung Teil eines Strangs an Erzählungen, von denen nur dieser auserzählt wird, zum anderen verweigert sich der Text auch der Idee eines paradiesischen Frühers. Die Gewalt, der Luklaks Mutter Opfer wird, ist kein Ergebnis des spanischen Kolonialismus, und die alten Bräuche haben die Einheimischen nicht vor den gewalttägigen Überfällen zu schützen vermocht. Stattdessen träumt dieser Roman von einer Art queeren Utopie, in der das Beste der alten und der neuen Welt zusammenfindet. Eingeläutet wird dieser Traum mit Luklaks Verwandlung, ihrer Transition in eine monströse und queere Aswang.
Allan N. Derains ‚Das Meer der Aswang‘ ist ein wunderbar seltsames Märchen, indem man sich nicht zuletzt dank der behutsamen Übersetzung durch Annette Hug verlieren kann. Sie schafft es, die Legenden und Sagen in all ihrer Fremdheit greifbar zu machen, indem sie diesen die Freiheit gewährt, sich selbst zu erklären. Vor allem versteht sich der Roman aber auch als ein Epos der einfachen Leute, deren Geschichten bisher nicht erzählt wurden. In dieser und jeder anderen Hinsicht ist ‚Das Meer der Aswang‘ erfrischend und unerhört.