2. Was ist ’schwule Literatur‘? – 2.2.1 Moderne schwule Literatur zwischen Didaktik und sozialistisch-realistischen Ansprüchen

Moderne schwule Literatur zwischen Didaktik und sozialistisch-realistischen Ansprüchen

Auch in der Zeit nach 1860, also nach der Einführung des Begriffs „Homosexualität“, ist es nicht einfach, von einer Tradition der schwulen Literatur zu sprechen: „The gay past in writing is sometimes explicit and sometimes hidden, while the gay present is, for the most part, only explicit.“[1] Auch nach 1860 bedient sich die schwule Literatur für etwas mehr als hundert Jahre zu einem Großteil der Ikonen der Vergangenheit, um maskiert über ihr Anliegen zu sprechen.

Also etwa wenn Vergils zweite Ekloge Pate steht für Marguerite Yourcenars ‚Alexis‘ und Gides ‚Corydon‘ und noch als Folie hinter Thomas Manns ‚Tod in Venedig‘ sichtbar gemacht werden kann; wenn Thomas Mann ebendort Plato als Signal benutzt und Tadzio in Gedichten von Jacob Hiegentlich und Detlev Mayer als solches eingesetzt wird; wenn Pessoa, Lorca und Ginsbweg Walt Whitman wieder aufnehmen, George auf Sappho und Sokrates anspielt und Shakespeares Sonette übersetzt; wenn Hubert Fichte George intertextuell evoziert und seinerseits von Thomas Böhme, neben George evoziert wird; wenn Hans Warren Kavafis ins Niederländische übersetzt und die George verpflichtete Zeitschrift Castrum Peregrini deutsche Übertragungen der Gedichte von Kavafis und der Sonette von Michelangelo verlegt.[2]

Trotzdem sind es die Romane von beispielweise André Gide und Marcel Proust, die einen ersten Höhepunkt in der literarischen Darstellung von Homosexualität darstellen und „den die Literaturkritik entsprechend reflektiert; eine Kritik, für die die Frage der Sexualität des Autors durchaus ein Thema war.“[3] Neu ist also, wie Schriftsteller Homosexualität an sich darstellen: Ihre Texte sind keine reinen „case studies in homosexuality […]. More than this, they gave us a literature in which sexuality becomes both complex and varied, never fixed by a single pattern of heterosexual courtship and marriage.“[4] Damit reagiert die Literatur auf die Psychoanalyse und auf medizinische Diskurse, die in Homosexualität „eher ein pathologisches als ein kriminologisches Phänomen“[5] sehen. So argumentiert auch Woods in A History of Gay Literature, dass der homosexuelle Roman, „that is, the novel or the play about homosexuality as a central topic, rather than that which merely contains a homosexual character or two“[6], vor allem von deutschen Schriftstellern in Reaktion auf die Psychoanalyse als solcher entwickelt wurde und die sich dabei auf gängige Sexualtheorien wie denen von Karl Heinrich Ulrichs Theorie des dritten Geschlechts beruft.[7] Dementsprechend sind diese Romane in ihrem Selbstverständnis didaktischer Natur und beschreiben „the beginnings of the novel of homosexul apology.“[8] Tendenziell fällt bereits auf, dass schwule Literatur – in diesem Fall die Psychoanalyse und medizinische Diskurse – auf historische Epochen reagiert, die das Leben von homosexuellen Männern beeinflussen.[9] Eine dieser epochalen Einschnitte findet Ende der 1960er Jahre statt. Ab diesem Zeitpunkt ist es möglich, von einer sich als schwul verstehenden Literatur zu sprechen.[10] Im amerikanischen Sprachraum wird mehrheitlich von Stonewall als dem einschneidenden Ereignis gesprochen: Bei einer Polizeirazzia in der Schwulenbar ‚Stonewall Inn‘ am 27. Juni 1969 widersetzen sich mehrere der Gäste der Verhaftung, worauf es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen kommt.[11] In den USA entwickelt sich eine organisierte Schwulenbewegung, die ‚Gay Liberation‘ und konsequenterweise auch eine neue Form der Literatur, die den Ruf, sich zu ‚outen‘, also zur eigenen sexuellen Identität öffentlich zu stehen, folgt und welche die Bildung einer eigenen (aber auch kollektiven) Identität beschreibt.[12] Problematisch an dieser Darstellung der Geschichte der schwulen Literatur ist natürlich, dass es eine zutiefst amerikanische Perspektive ist. Identitätspolitik findet zuerst einmal auf nationaler Ebene statt. Abseits davon gibt es aber vermutlich auch viele amerikanische Leser, die lediglich der englischen Sprache mächtig sind. Im westlichen Raum ist die gesellschaftliche Entwicklung jedoch ähnlich genug, um über internationale Tendenzen in der Entwicklung der schwulen Literatur zu sprechen. Während in den USA die Stonewall Aufstände einen Wendepunkt herbeiführen, sind es in Europa die Studentenrevolten. Auch diese führen zu einem gesellschaftlichen Wandel, der bei homosexuellen Männern zu einem „neuen Selbstbewusstsein“[13] führt, welches sie „politisch wie künstlerisch umsetzen“.[14] Neben der Darstellung des neuen Selbstverständnisses galt es auch Fehler der Vergangenheit zu vermeiden: Die bisherige Darstellung homosexueller Leben als unausweichlich tragisch sollte von nun an mit positiven Beispielen ausgeglichen werden.[15] Besonders im anglo-amerikanischen Sprachraum glichen die Ansprüche an die schwule Literatur „strictly realist – even Socialist Realist – priciples: invariably and unvaringly plausible, optimistic and heroic.“[16] In diesem Sinne würden sowohl Lyrik als auch experimentelle Literatur an diesen Ansprüchen scheitern, wie Woods darstellt, da es von Natur aus elitär wäre: „It would get in the way of the fine ideal of an accessible gay literature which can instantaneously comfort the lonely and the oppressed, and change the minds of homophobes.“[17] Das trifft beispielweise nicht auf die Literatur des deutschen Schriftstellers Hubert Fichte zu, der „keine realistisch-naturalistischen Beschreibungen“ in seinen Text einsetzt, sondern „Collagen aus Wirklichkeitspartikeln“.[18] Ebenso wenig würde der österreichische Schriftsteller Josef Winkler diesen Ansprüchen gerecht werden, der zu seinen großen Vorbildern immerhin unter anderem Hubert Fichte und Jean Genet zählt.[19] Auch mit dem Einsetzen der AIDS Epidemie wurden diese Vorgaben an die schwule Literatur oftmals nicht infrage gestellt. Als Edmund White, einer der wichtigsten schwulen Autoren der Vereinigten Staaten, in den 1980er Jahren an der Biographie zu Jean Genet arbeitet und diese 1993 publiziert, wird er für dieses schriftstellerische Vorhaben von dem Aktivisten und Schriftsteller Larry Kramer verbal attackiert, weil er über etwas anderes als AIDS schreibt.[20] Auch wenn Woods in A History of Gay Literature größtenteils auf englischsprachige Autoren verweist, die AIDS literarisch verarbeitet haben,[21] darf nicht vergessen werden, dass auch in Europa das Thema in der schwulen Literatur behandelt wurde. Sowohl der Franzose Hervé Guibert (A l‘Ami qui ne m‘a pas sauvé la vie,1990; Le Protocole compassionnel, 1991; Le Paradis, 1993) und die beiden deutschen Schriftsteller Napoleon Seyfarth (Schweine müssen nackt sein, 1991) und Mario Wirtz (Es ist spät, ich kann nicht atmen. Ein nächtlicher Bericht, 1992) haben sich zum Beispiel autobiographisch mit ihrer Infektion auseinandergesetzt.[22] Im Zuge der gesellschaftlichen Liberalisierung hat sich also zumindest im anglo-amerikanischen Raum schwule Literatur (in der Mehrheit) zu einer didaktisch aufklärerischen Literatur entwickelt, die das Leben homosexueller Männer wirklichkeitsgetreu darstellen möchte. Besonders im europäischen Raum gibt es jedoch weiterhin experimentelle Literatur, obschon diese auch gesellschaftliche Zwänge beschreiben will und „das eigene schwule Begehren und die Aussichtslosigkeit, in dieser feindlichen Umgebung eine (homo)sexuelle Identität zu finden.“[23]

An die Frage, was moderne schwule Literatur ausmacht, ist ebenso die Frage gebunden, wie ihre Autoren sich selbst definieren und an wen sich schwule Literatur richten soll.


[1] Tóibín, Colm: Love in a Dark Time. 2003. S.7.

[2] Keilson-Lauritz, Marita: Die Geschichte der eigenen Geschichte. 1997. S.273f.

[3] vgl. Naguschewski, Dirk u. Schrader, Sabine: Homosexualität – ein Thema der französischen Literatur und ihrer Wissenschaft. In: Sehen Lesen Begehren. 2001. S.13.

[4] vgl. Woods, Gregory: A History of Gay Literature. 1999. S.193.

[5] vgl. Naguschewski, Dirk u. Schrader, Sabine: Homosexualität – ein Thema der französischen Literatur und ihrer Wissenschaft. In: Sehen Lesen Begehren. 2001. S.12.

[6] Vgl. Woods, Gregory: A History of Gay Literature. 1999. S.181. Als Beispiel nennt Woods den 1913 unter dem Pseudonym „Konradin“ veröffentlichten Roman Ein Jünger Platos: Aus dem Leben eines Entgleisten.

[7] Vgl. Ebd.

[8] Vgl. Ebd.

[9] Cobb, Michael: Queer Novelties. In: The Cambridge Companion to American Gay and Lesbian Literature. Hrsg. v. Scott Herring. New York: Cambridge University Press, 2015. S.18.

[10] Vgl. Woods, Gregory: A History of Gay Literature. S.9.

[11] Vgl. Altman, Dennis u. Symons, Jonathan: Queer Wars. Erfolge und Bedrohungen einer globalen Bewegung. Aus dem Englischen von Hans Freundl. Mit einem Vorwort von Daniel Schreiber. Berlin: Verlag Klaus Wagenbach, 2017. S.44.

[12] Vgl. Brookes, Les: Gay Male Fiction Since Stonewall. Ideology, Conflict, and Aesthetics. New York: Routledge, 2009. S.4f.

[13] Vgl. Naguschewski, Dirk u. Schrader, Sabine: Homosexualität – ein Thema der französischen Literatur und ihrer Wissenschaft. In: Sehen Lesen Begehren 2001. S.17.

[14] Vgl. Ebd.

[15] Vgl. Tóibín, Colm: Love in a Dark Time. 2003. S.24.

[16] Vgl. Woods, Gregory: A History of Gay Literature. 1999. S.226.

[17] Vgl. Ebd.

[18] Vgl. Schock, Axel: Die Bibliothek von Sodom. Das Buch der schwulen Bücher. Frankfurt am Main: Eichborn, 1997. S.62.

[19] Vgl. Ebd. S.240.

[20] Vgl. Jenkins, Alan: BOOKS / Life before the Flood: Charming, open-hearted and HIV-positive, Edmund White believes that there is more to gay culture than the shadow of Aids. He has spent seven years writing a life of Jean Genet, unter: https://www.independent.co.uk/arts-entertainment/books-life-before-the-flood-charming-open-hearted-and-hiv-positive-edmund-white-believes-that-there-2316512.html (abgerufen: 10.07.2019).

[21] Vgl. Woods, Gregory: A History of Gay Literature. 1999. S.359-374.

[22] Naguschewski und Schrader erwähnen jedoch auch, dass in Frankreich mehr Romane zu dem Thema erschienen sind als in Deutschland. Wie haltbar diese Aussage ist, müsste eine empirische Untersuchung belegen. Vgl. Naguschewski, Dirk u. Schrader, Sabine: Homosexualität – ein Thema der französischen Literatur und ihrer Wissenschaft. In: Sehen Lesen Begehren. 2001. S.19.

[23] vgl. Schock, Axel: Die Bibliothek von Sodom. 1997. S.240.

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