Michael Roes – Der Traum vom Fremden

Michael Roes - Der Traum vom Fremden

Arthur Rimbaud (1854-1891) hat sich mit Gedichten wie Eine Zeit in der Hölle in den Kanon der Weltliteratur eingeschrieben. Dabei hat Rimbaud bereits mit 19 Jahren mit der Lyrik, eine verhasste Jugendsünde, abgeschlossen. So wie auch mit der überaus dramatischen Liebesbeziehung mit dem verheirateten Dichter Paul Verlaine. Er reiste – mit Zwischenstationen in England, Deutschland und Italien – in das heutige Äthiopien, hier verdiente er sein Geld mit dem Handel von Kaffee, Tierfellen und Waffen. Ein Bruch in der Biografie oder konsequente Fortsetzung dessen, was seine Dichtung auszeichnet? Die zahlreichen Interpreten sind sich uneinig. Es ist genau dieses oftmals übersehene Kapitel im Leben des enfant terrible, welches in Michael Roes historischem Roman Der Traum vom Fremden, erschienen im Albino Verlag, in den Fokus rückt.

Am 03. Oktober 1883 bricht Arthur Rimbaud von Harar in die damals noch unerforschten Ogaden auf, um das Lösegeld für seinen Geschäftspartner Sotiro zu zahlen, der auf einer Erkundungsreise entführt wurde. Rimbaud nutzt die Reise aber auch, um einen Bericht über die Ogaden für die Geographische Gesellschaft zu schreiben, seine Aufzeichnungen notiert er in sechs Cahiers oder auch Heften. Sein Ziel: eine rein wissenschaftliche Sprache, eine Abkehr von der Dichtung, eine Anti-Poetik.

Doch der Traum vom Fremden ist genau das: ein Traum. Der Wunsch, sich in der Fremde neu zu erfinden, scheitert daran, dass Rimbaud sich selbst und die eigene Sprache mitbringt, nicht zurücklassen kann. In Rimbauds Notizen beginnen sich Erinnerungen an seine Zeit in Paris, an seine Mutter, die Päpstin, und auch an seine stürmische Liebe zu Verlaine zu mischen: „Der Dichter lebt gefangen in seiner krankhaften Introspektion, kennt keine anderen Stoffe als sich selbst.“

Sagen, was sagbar ist – auch an diesem Anspruch droht Rimbaud zu scheitern. Die Natur der Ogaden rein objektiv zu beschreiben, ist von Anfang zum Scheitern verurteilt, ihm fehlen die Namen. Alles, was übrigbleibt, ist zu erfinden, zu dichten. Die Fremde ist die Freiheit, die er gesucht hat – und die Hölle. Hier spricht niemand seine Sprache, sein Schweigen. Er muss sich selbst verraten. Gleichzeitig offenbaren Rimbauds Aufzeichnungen und Beobachtungen auch seinen kolonialistischen Blick, die Arroganz ein bewohntes Land entdecken und verstehen zu wollen.

Tatsächlich hat Rimbaud einen Bericht für die Geographische Gesellschaft geschrieben, er ist dem Roman im französischen Original angehängt. In der Bruchstelle zwischen Fiktion und den tatsächlichen Ereignissen inszeniert Michael Roes die Figur Arthur Rimbaud. Auch das Tagebuch, so streng an der objektiven Wahrheit ausgerichtet, ist von Fiktionen durchzogen, Erinnerungen, die mit einem Mal ins Unmögliche brechen. Ein Text voller Widersprüche und Uneindeutigkeiten, oder auch: queere Literatur.

Michael Roes wurde 1960 in Rhede/Westfalen geboren und ist (unter anderem) Autor verschiedener Romane, Essays, Gedichte und auch Drehbücher. Der Traum vom Fremden – sein erster Roman, der im Albino Verlag erschienen ist – ist das faszinierende Portrait eines Arthur Rimbauds, der den meisten wohl fremd sein dürfte. Sicherlich setzt der Text eine gewisse Geduld voraus, doch es ist die Sprache von Michael Roes und wie er sie Arthur Rimbaud in den Mund legt, die einem in seinen Bann zieht und einen ganz eigenen Sog entwickelt. Und es ist das Fremde und das Andere in Arthur Rimbaud, das vielen vertraut sein dürfte. Dieser Menschlichkeit wegen ist es auch unnötig, viel über das Leben des Dichters zu wissen, um den Roman zu verstehen oder zu schätzen. Michael Roes erzählt von der Vergangenheit und damit über etwas die Zeit Überdauerndes: der Wunsch, die eigene Vergangenheit abzustreifen und der Traum sich in der Fremden neu zu entdecken.

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