Madeline Miller – Song of Achilles

Song of Achilles von Madeline Miller ist eines dieser Bücher, das von seinen Leser*Innen scheinbar abgöttisch geliebt wird. Und es klingt auch vielversprechend: Madeline Miller erzählt die Geschichte von Achill und Patroklos neu, zwei mythischen Figuren der schwulen Geschichte, die immer wieder als strahlendes Beispiel der besonderen Männerfreundschaft in der Antike herhalten mussten, und macht aus dem homoerotischen Subtext einen…nun ja, einen konkreten Text. Leider – zumindest aus meiner Sicht – keinen besonders guten.

Erzählt wird die Geschichte aus Sicht Patroklos, eine für Leser*Innen nicht so unnahbare Figur wie die des Achill, einem Halbgott, dessen Schicksal es sein soll, in Ewigkeit in der Erinnerung der Menschen zu verweilen. Beide lernen sie sich in frühster Kindheit kennen, als Patroklos an den Hof König Peleus verbannt wird, wo beide schnell zu besten Freunden und Liebhabern werden. Achill ist von Anfang an der Prototyp eines Gary Stus, jener Verkörperung des Perfekten in der Literatur. Vielleicht ist es auch deswegen Patroklos, der diese Geschichte erzählen muss, um solch einer Figur eine gewisse Sympathie verleihen zu können. Leider ist Patroklos in seiner Unbeholfenheit, Unterwürfigkeit und seinem Drang, immer das Richtige zu tun, als Figur genauso langweilig und vorhersehbar.

Eine Geschichte, welche Altbekanntes neu erzählt, muss ihre Spannung abseits der vertrauten Handlung erzeugen. In Song of Achilles darf dafür Thetis herhalten, der Meeresgöttin und Mutter von Achill, die alles andere als begeistert ist von der Liebe ihres Sohnes zu einem einfachen Sterblichen. Die Darstellung der griechischen Götter als sehr menschlich wird hier mehr oder weniger unter den Tisch fallen gelassen. Thetis ist stattdessen kalt, kryptisch und dabei trotzdem die böse Schwiegermutter, wie wir sie aus so vielen anderen Geschichten kennen. Das ist klischeehaft und auch ein bisschen misogyn.

Natürlich darf in der Geschichte rund um Achill und Patroklos der Raub der Helena und die Belagerung Trojas nicht fehlen. Hier wird die Liebe der beiden auf eine gewaltige Probe gestellt. Denn zu einem guten Krieg gehören natürlich Gewalt, auch gegenüber Frauen, und das kann Achill seinen Männern nun wirklich nicht verbieten. Immerhin würde dies seinem Ruf schaden und sein Ruf ist alles, was er hat und was in den zukünftigen Liedern über ihn und seine Heldentaten besungen wird. Das passt dem herzensguten Patroklos aber nun so gar nicht. Hier wird mit dem Holzhammer ein nuancierter Konflikt erzwungen, dass die Zähne scheppern. Und auch Patroklos nicht enden wollende Beschwörungen, dass er Achill trotz allem liebt, macht diesen für Leser*Innen nicht sympathischer. An diesem Konflikt zeigt sich aber auch, wie schwer es ist, mythologische Figuren mit Wertesystemen so ganz anders als den unseren für ein modernes Publikum zu portraitieren. Damit man weiterliest, müssen die Figuren wenn schon nicht sympathisch zumindest komplex und faszinierend sein.

Zu guter Letzt ein Wort zum Titel des Buches: Die Ilias ist in sogenannten Liedern verfasst und so evoziert Song of Achilles natürlich das Versprechen von Rhythmus, Lyrik und vielleicht auch Vielstimmigkeit. Leider ist das Buch in der langweiligsten englischen Prosa verfasst, die man sich vorstellen kann. Es müsste nicht gleich die experimentelle Lyrik Anne Carsons in Rot sein, aber auch sprachlich hangelt sich das Buch von einem Klischee zum nächsten. Natürlich, das ist alles ein bisschen polemisch. Aber Song of Achilles ist ein Buch, das ich wirklich mögen wollte. Auch weil es viele der Themen der queeren Literatur aufgreift, die mich interessieren. Für mich hat das Buch aber – und bei diesem Urteil bleibe ich – auf ganzer Linie versagt.

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