„in den sprachen des landes der mutter / in den zungen des vaters gibt es keine / pronomen für er oder sie / nur: du / nur: them / nur: ich / […] / in den sprachen meiner muttersprache meiner / vatersprache nennen wir die menschen bei ihrem namen / wir benennen sie nicht nach der geheimen blume / die wir zwischen ihren schenkeln zu finden glauben“
Kopano Marogas Debüt ‚Die Jesusthese und andere kritische Fabulationen‘ (aus dem Englischen von Ralph Tharayil) ist eine lyrische Collage des Sakralen und Profanen. Ausgehend von dem titelgebenden Gedicht imaginiert Maroga Jesus‘ sogenannte ‚verlorene Jahre‘ als Lehrjahre der queeren Lust – und erzählt dabei auf einer persönlichen Ebene, was es bedeutet, sich mit einem Schwarzen queeren Körper durch eine Welt zu bewegen, die von Apartheid und kolonialer Gewalt geprägt ist.
Marogas Gedichte nehmen die Form von Gebeten an, deren Themen und Motiven an jene des Schwarzen Gospels erinnern. Auch hier werden christliche Mythen und Motive umgedeutet, um von der Unterdrückung in Form der Apartheid in Südafrika zu erzählen sowie von der Hoffnung, die weiterhin andauernde Gewalt zu überwinden. Und zugleich ähneln diese Gebete auch immer wieder Trauerliedern für all jene, die das Ende der Apartheid nicht mehr erlebt haben: „wir nennen das | die weihung / für alles, was bei unserer | werdung verlorenging / und so | entblühen wir / in einem obstgarten, in dem | die früchte zu reif sind für die ernte“
Im englischen Original erinnert auch Marogas Sprache an die des Gospels, für die es im Deutschen kein direktes Äquivalent gibt. Umso beeindruckender ist es, dass die Gedichte in der Übersetzung von Ralph Tharayil ihre Eleganz und ihre Melodik behalten (die wunderschön gestaltete Ausgabe des akono Verlags ist zweisprachig und ermöglicht für alle Neugierigen einen direkten Vergleich zwischen Original und Übersetzung).
Dass ‚Die Jesusthese und andere kritische Fabulationen‘ eine lyrische Collage ist, ist in mehrerlei Hinsicht zu verstehen. Kopano Maroga, Autor*in und Performancekünstler*in, vereint in den Gedichten unterschiedliche, scheinbar unvereinbare Elemente, Religion und Sex, darüber hinaus bringt diese Sammlung ebenso Texte und Bilder zusammen, bei denen es sich teilweise wiederum um Collagen handelt. Sie alle stammen von Maroga oder zeigen them. Diese Bilder sind Ausdruck einer Verletzlichkeit, die Schwarzen Körpern oft nicht zugestanden wird. Diese Verletz- bzw. Zerbrechlichkeit hat etwas durchaus Ambivalentes: „mein gay meint wie ich mich teile an der taille / und nicht daran zerbreche, und nicht breche / bis du mich lässt, bis du mich öffnest / wie frische austern mit den zähnen / ohne zunge, ohne gebrochene zunge / gleich zuckerbrot, gleich peitsche / und ich bete im stillen und ganz für mich / dass dein unverpackter schwanz / kein klischee aus mir macht, dass er / meiner mutter nicht recht gibt / und kein zeugnis dafür ist, wie wir zuneige gehen / immerzu krank, immer früh“
Diese Verletz- und Zerbrechklichkeit stehen für Gewalt, aber auch für Lust und Transformation (auch im Sinne der Transness). Dabei sind die Grenzen zwischen dem eigenen Körper und jenen der anderen, setzt Maroga nach einem „ICH BIN“ die Namen biblischer Figuren und verschiedenster Schwarzer Menschen, viele von ihnen trans, die in den vergangenen Jahren gewaltsam zu Tode gekommen sind. Aber auch Südafrika selbst wird als ein Körper beschrieben, als „ein kontinent aus knochen“, der sich immer wieder neu formt.
Marogas Texte beweisen in ihrer Zerbrechlichkeit aber genauso viel Humor, ein Humor, der durchaus sexy sein kann. Und so verwundert es dann auch kaum, dass im Kontext einer Auseinandersetzung mit Männlichkeit und Race, der Gay-for-Pay Pornodarsteller Brandon Cody eine eigene Ode (mitsamt expliziter Collage!) erhält: „da ist sie, unsere gottlose ikonographie / unser Jesuskind und Madonna / Brandon, wie er in anbetung kniet / seine strahlenden augen als cum wie / manna von Marshalls schwanz regnet“. Brandon Cody wird hier als Verkörperung einer weißen Männlichkeit portraitiert, die all jenen 2010er Tumblr-Queers bestens vertraut sein sollte, waren doch die Interviews zwischen den Darstellern am Ende einer Szene das ‚Heartstopper‚ dieser Generation.
In die ‚Die Jesusthese und andere kritische Fabulationen‘ zeigt Kopano Maroga voller Lust, Zärtlichkeit und auch Humor eine Welt, die über die uns auferlegten Prüfungen und die Gewalt hinausgeht. Denn wie eine Heilsgeschichte gibt auch diese Sammlung das Versprechen auf Heilung und Erlösung.