James Baldwin – Giovanni’s Room

James Baldwin - Giovanni's Room

“Now when he had finished speaking to Saul, the soul of Jonathan was knit to the soul of David, and Jonathan loved him as his own soul. Saul took him that day, and would not let him go home to his father’s house anymore. Then Jonathan and David made a covenant, because he loved him as his own soul. And Jonathan took off the robe that was on him and gave it to David, with his armor, even to his sword and his bow and his belt.” (1 Samuel 18:1-4)

Womöglich sind es diese Worte gewesen, die James Baldwin (1924-1987) zu seinem Roman Giovanni’s Room inspiriert haben. Baldwin war Sohn eines Laienpredigers und sollte lange Zeit in seine Fußstapfen treten und vielleicht ist er das gewissermaßen auch in seiner Rolle als Schriftsteller. Denn auch in seinen Romanen und Essays hat er gesellschaftliche Missstände angeprangert, die Erlösung seiner von inneren und äußeren Dämonen geplagten Figuren hat er, wie in Giovanni’s Room, wie ein Heilsversprechen zumindest in der Schwebe gelassen. Dieses Heilsversprechen ist lange Zeit für viele homosexuelle Männer die biblische Geschichte von David und Jonathan gewesen, deren Liebe die zur Frau übertroffen haben soll. Inspiriert von dieser Geschichte hat Baldwin den Klassiker der schwulen Literatur schlechthin geschrieben.

Die Entstehungsgeschichte rund um Giovanni’s Room ist bekannt, wurde oft erzählt und kann im Kontext einer Besprechung doch nicht verschwiegen werden. Mit 24 flüchtet Baldwin ins Pariser Exil: „Perhaps home is not a place but simply an irrevocable condition.” Und doch ist es die Ferne, die es ihm ermöglicht, mehr als ein „schwarzer Schriftsteller“ zu sein, wie er es selbst umschreibt. Hier kann er zwei der großen Themen seines schriftstellerischen Lebens ausloten: Rassismus und Homosexualität. David und Giovanni, die beiden Männer, die im Zentrum der Geschichte stehen, sind jedoch weiß. In Baldwins Zeit war es schwer genug, über Homosexualität zu schreiben. Über Homosexualität und Rassismus zu schreiben, wäre unmöglich gewesen. Seinem amerikanischen Verleger legt er den Roman dementsprechend erst vor, als das Manuskript abgeschlossen ist. Der Verlag lehnt das Manuskript aus, man fürchtet, den Ruf Baldwins mit einer Veröffentlichung für immer zu zerstören. Das Manuskript zu verbrennen, sogar dazu soll man ihm geraten haben. 1956 erscheint Giovanni’s Room schließlich zuerst in England.

Giovanni’s Room wird vor allem als tragische Liebesgeschichte verstanden. Immerhin, das ist von Anfang an klar, endet die Geschichte mit dem Tod Giovannis. Doch es ist nicht ihre Homosexualität, die sie verdammt, sondern die Tatsache, dass sie beide Männer sind. Bereits als Jugendlicher wird sich David dieser Gefahr bewusst, als er mit seinem Freund Joey schläft: „That body suddenly seemed the black opening of a cavern in which I would be tortured till madness came, in which I would lose my manhood.” David flüchtet vor sich selbst, führt ein Leben voller Oberflächlichkeiten und in ständiger Bewegung. Sein Weg führt ihn schließlich nach Paris, wo er hofft, sich selbst zu finden. Dieses Selbst ist jedoch jenes, vor dem er so verzweifelt auf der Flucht ist.

Die Liebe zu dem Barmann Giovanni ist schnell und impulsiv. Sie findet fast ausschließlich in dem namensgebenden Zimmer von Giovanni statt, eine schäbige Bedienstetenkammer mit einem winzigen Fenster und voller Unrat. Der Raum ist Symbol ihrer Liebe, aber auch ihr Gefängnis. David und Giovanni sind Gefangene einer homophoben Gesellschaft und auch ihrer eigenen Misogynie. Beide schlafen sie mit Frauen und beide hassen sie Frauen, hassen alles, was weiblich ist. Und so haben sie auch für Jaques und Guillaume, zwei alternde, schwule Männer, die ihr Leben in Scham verbringen, im besten Fall nur Mitleid übrig, im schlimmsten Fall Hass und Verachtung. Schließlich sieht er in Giovannis Gesicht den gleichen Blick, mit denen er diese beiden Männer betrachtet: „With this fearful intimation there opened in me a hatred for Giovanni which was as powerful as my love and which was nourished by the same roots.”

Giovanni’s Room erzählt auch die Geschichte eines Kulturkampfes. Als Amerikaner ist David von dem Glauben besessen, sein Leben unter Kontrolle zu haben, Entscheidungen zu treffen und sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Doch in Paris, unter einem fremden Himmel, wo er unbeobachtet er selbst sein kann, ist er von seiner Freiheit überfordert. So wie auch Hella, die Frau, an die er sich klammert und mit der er in ein bürgerliches Leben flüchten möchte. Sie kann die Einsamkeit, die ein emanzipiertes Leben bedeutet, nicht ertragen.

Nicht nur die Figurenkonstellation erinnert an James Baldwins Vergangenheit als Jugendprediger. Auch die poetische Sprache, der Rhythmus der Sätze und die verwendeten Motive und Bilder von Giovanni’s Room machen das deutlich. Der Text nimmt die Form einer Beichte an, dessen Ende offen bleiben muss. Giovanni ist tot, Davids Zukunft dagegen ist ungewiss. Kann er vergessen und sich gleichzeitig erinnern, also ein Held sein, seiner Tragik entkommen?

In Zeiten, in denen von queeren Geschichten in ihrer Gesamtheit verlangt wird, sich von tragischen Enden abzuwenden, muss sich auch Giovanni’s Room der Kritik stellen. Doch der Roman ist und bleibt ein Klassiker. Oder wie Josef Winkler sein Verhältnis zur Literatur und der Angst vor einem einsamen Tod beschreibt: „Soll ich jemanden mit in den Tod reißen? … Literatur kann befreien. Kann Literatur Leben retten?“

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