Garth Greenwell (auf der lit.cologne) – What Belongs to You

Garth Greenwell - What Belongs To You

Wenn Garth Greenwell, ein Hühne von einem Mann, auf die Bühne tritt und in seinem Stuhl zu versinken droht, entsteht schnell der Eindruck, dass sein eigener Körper zu groß für ihn ist, dass er verschwinden möchte. Dann beginnt er über seinen Roman What Belongs To You zu sprechen und es besteht kein Zweifel mehr daran, dass Garth Greenwell gekommen ist, weil er etwas zu sagen hat.

What Belongs To You erzählt die Geschichte eines namenlosen Erzählers, der von den USA nach Bulgarien kommt, um dort als Lehrer zu arbeiten. Als er die öffentlichen Toiletten unter dem Nationalen Kulturpalast in Sofia betritt, einen lokalen Cruising-Ort, lernt er den Stricher Mitko kennen und bezahlt ihn für Sex. Die entstehende Beziehung ist komplex und vielleicht auch deswegen nennt Mitko den Erzähler seinen priyatel. Ein Wort, das alles und nichts bedeuten kann – Freund, Liebhaber oder auch nur Kunde? – und für das es keine eindeutige Übersetzung gibt. Doch auch im fernen Bulgarien ist der Erzähler gezwungen, sich seiner Vergangenheit auf dem ländlichen Kentucky zu stellen. Denn die Scham seiner Sexualität ist nicht nur Teil seiner Kindheit, sie formt ihn auch heute noch. Sie gehört zu ihm.

Garth Greenwell, der eigentlich eine Ausbildung zum Opernsänger absolviert hat, war zuerst in der lyrischen Welt der Poetik unterwegs. Erst durch die Musik wurde er sich seiner eigenen Stimme bewusst, dass er mit der Welt in den Dialog treten wollte. Nach einer Ausbildung zum Dichter am berühmtem Iowa Writers‘ Workshop verschlug es ihn nach Sofia in Bulgarien, wo er über mehrere Jahre als Lehrer arbeitete. Greenwell reiht sich also in die zahllosen queeren Autoren ein, die ihr Leben als Schablone für ihre Texte nutzen. Viel wichtiger als die Frage, was genau erfunden und was tatsächlich passiert ist, ist, wie Greenwells Zeit als Dichter und Sänger seinen Text geprägt hat. Seine Sätze sind melodisch und entfesseln einen rhythmischen Sog wie ein Gedicht, dem man nur entkommen kann, indem man es bis zum Ende liest. Greenwells Sprache wird oft mit der von W.G. Sebald verglichen, ein Vergleich, vor dem sich der Autor nicht scheuen muss.

Wieso Greenwell über das Cruisen schreibt, dafür findet er deutliche Worte. Cruising-Orte sind heterogene Räume, in denen viele Regeln der sozialen Norm außer Kraft gesetzt sind. Herkunft, Klasse und Ethnie spielen hier keine Rolle. Nur an einem Ort wie diesen könnten die zwei Charaktere des Romans, ein amerikanischer Expat und ein bulgarischer Stricher, aufeinandertreffen. Im Spiegel-Interview spricht er vom radikalen Potenzial des Cruisens.

Auch über den Schmutz will Greenwell also schreiben, von den nach Pisse stinkenden Orten, an denen sich Männer treffen, um Sex zu haben. Er will zwei fickende Männer zeigen – und darin das Schöne und die Anmut. Im gleichen Atemzug nennt er Walt Whitman als den „Poeten des Cruisens“. In seinem Gedicht Out of the rolling ocean the crowd… beschreibt Whitman zwei Wassertropfen, die im unendlichen Ozean für einen Moment aufeinandertreffen, bevor sich ihre Wege wieder für immer trennen. Nicht auf die Dauer eines Aufeinandertreffens kommt es also an, sondern auf die Intensität.

In den meisten Medien sind queere und homosexuelle Charaktere entsexualisiert. Serien wie Modern Family stellen ihre schwulen Charaktere auf eine Art und Weise dar, die es Zuschauern unmöglich macht, sie sich beim Sex vorzustellen. Denn im, wie er extra betont, wichtigen Kampf für „marriage equality“ sind queere Identitäten und Lebensweisen einer Marketingkampagne zum Opfer gefallen. Plötzlich war es wichtig, Schwule für den amerikanischen Durchschnittsbürger als akzeptabel und unbedrohlich zu präsentieren. Abseits vom Familienbild, bestehend aus Vater, Mutter und Kind (oder in diesem Fall zwei Väter plus Kind) war plötzlich kein Platz mehr für alternative Lebensentwürfe, die genauso erfüllend und wertvoll sind.

Ein weiteres wichtiges Thema im Roman ist die Konfrontation mit dem Eigenen in der Fremde. Denn auch wenn der Erzähler der homophoben Umgebung aus seiner Kindheit entkommen ist, trägt er diese Scham noch immer mit sich. Erst in Bulgarien, wo Homosexuelle größtenteils versteckt leben, kann er erkennen, wie sehr diese Scham sein Leben und seine Beziehungen geprägt haben. Ein Leben, in dem er nicht erfahren hat, dass seine Existenz, seine Identität mit Abscheu gleichgesetzt werden, ist unmöglich. Stattdessen muss er lernen, mit der Scham zu leben.

Im Fremden das Eigene zu erkennen, möchte man meinen, ist eine der Stärken von Literatur und Kunst im Allgemeinen. Wieso sonst sollten wir Geschichten über Menschen lesen, deren Lebensrealitäten mit der unseren nichts gemeinsam haben? Greenwell nennt die nigerianische Autorin Chimamanda Ngozi Adichie als Beispiel, deren Bücher auch von vielen weißen Lesern rezipiert werden. Wieso sollte es also nicht möglich sein, aus einer besonderen Geschichte über das Cruise etwas Universelles über das Leben zu erfahren? Doch besonders queere Literatur gerät in dieser Hinsicht immer wieder in die Kritik und wird an den Rand verdrängt.

1999 veröffentlichte John Updike im New Yorker eine Kritik zu The Spell von Alan Hollinghurst, in dessen Zentrum eine Gruppe von schwulen Männern steht. Für das zarte Gemüt von Updike, der in seiner Schriftstellerkarriere so manche heterosexuelle Sexszene geschrieben hat, waren schwuler Sex und Beziehungen wohl zu viel. Immerhin haben diese nichts vom Sakralen wie heterosexueller Sex und dienen auch nicht der Fortsetzung der menschlichen Spezies.

Für Greenwell zeigt diese offen zur Schau gestellte Abneigung gegen die Darstellung von schwulen Sex eine Abneigung gegen den queeren Körper. Immerhin ist die größte Massenschießerei in den USA in dem schwulen Nachtclub Pulse geschehen. Der queere Körper steht noch immer unter Angriff. Nicht umsonst hebt Greenwell also hervor, dass er sich selbst als „gay writer“ versteht und über diese Themen in einem angemessenen, ja poetischen Rahmen schreiben will. Ihm geht es um nichts weniger als um die Würde des queeren Körpers.

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