„Er sagte, er werde die Blumen selbst kaufen.“
Enrico Ippolitos zweiter Roman ‚Modesta‘ erzählt von den Heimsuchungen eines Verlassenen. Der Klappentext verspricht, dass der Roman dahingeht, „wo es am meisten schmerzt und ängstigt: zum Verlust der einzig wahren Liebe.“ Das stimmt, doch meiner Meinung nach erzählt Ippolito parallel dazu etwas weitaus Mutigeres. Er konfrontiert seine Figur mit sich selbst – schonungslos und unverblümt.
Die Vorbereitungen laufen bereits, am Abend wird seine beste Freundin C ihn zu Ehren eine Party veranstalten. Sie will ihn und seine neue Ausstellung zelebrieren, ihn von der Trennung seines Exfreundes ablenken. Wie einst Mrs. Dalloway entscheidet auch der Verlassene, die Blumen zum Anlass selbst zu kaufen. Während er durch die Straßen der namenlosen Großstadt läuft, entfaltet sich auch die Kartographie seiner innersten Welt. Beide Welten befinden sich auf Kollisionskurs, denn die Geister seiner Vergangenheit beginnen lebendig zu werden. Streunende übergroße Katzen, wie von Geisterhand sich bewegende Schirme und vor allem Modesta: „Eines Tages fand er eine Wahrheit. Zwar nicht die, die er sich erhofft hatte, aber zumindest war es eine. Seine Wahrheit hatte einen Namen, ein Gesicht, einen Körper, trug Kleidung, lachte manchmal. Er fand: Modesta.“
Modesta, das ewige Kind mit dem Gesicht einer Greisin, begleitet oder verfolgt den Verlassenen seit seiner Kindheit – je nachdem wie man es sehen will. Sie ist der Dämon der Entfremdung, der Isolation, des Wahnsinns, der gesellschaftlichen Zwänge und der gehemmten Sexualität. Ähnlicher Themen, Figuren und der Form des Bewusstseinsstrom bedient sich auch Virginia Woolfs Roman ‚Mrs Dalloway‘, der wie eine Schablone unter dem Text liegt. Natürlich kann es spannend sein, die einzelnen Referenzen auf den Vorgängertext zu erkennen, doch ‚Modesta‘ funktioniert wie jeder gute Roman auch für sich allein.
Einst gaben die Geister Ruhe. Er flüchtete von einer Großstadt in die nächste, brach mit der Vergangenheit und er verliebte sich in R. Doch nun, da auch er zu einem Geist geworden ist, nicht mehr als die Worte „ich kann nicht mehr“ hat er zurückgelassen, kehren sie zurück. Hier wird es interessant – und schmerzhaft. Denn Ippolito konfrontiert seine Figur mit der Frage, welche Rolle sie innerhalb dieser Trennung spielt und stellt dabei das beliebte und einseitige Narrativ vom Verlassenen als Opfer und dem Gehenden als Schuldigen auf den Kopf.
‚Modesta‘ ist ein Text voller Pathos, weil eine Figur wie die des Verlassenen danach verlangt. Ippolito beschreibt die Abwärtsspirale der Selbstdemontage, der konstanten Selbstanalyse, welche in der Manie einer scheinbaren Epiphanie mündet: der Überzeugung, ein anderer Mensch zu werden, einen neuen Lebensabschnitt zu betreten, nur um infolge des kleinsten Widerstands auf sich selbst zurückzufallen.
Enrico Ippolitos Debütroman ‚Was rot war‘ erzählte von der Freundinnenschaft zweier Frauen und dem schwulen Sohn der einen, der versucht ihrer Geschichte und ihren politischen Kämpfen beizukommen. Mit seinem zweiten Roman positioniert er sich nun als Autor, der inhaltlich wie formal keine Wiederholungen nötig hat. ‚Modesta‘ ist eine moderne Schauergeschichte, in der die hässlichsten Dämonen wir selbst sind. Wie gut, dass es in dieser Welt aber auch die Liebe gibt – nicht als Gefühl, sondern als Verb wie es auch bell hooks und Massive Attack verkündet haben.
Zur Inszenierung: Die Bilder zeigen eine Radierung der Dortmunder Malerin und Grafikerin Meta Plückebaum (1876-1945).
