Édouard Louis – Das Ende von Eddy

Édouard Louis - Das Ende von Eddy

Ich sah, wie mein Vater, wenn unsere Katze geworfen hatte, die neugeborenen Kätzchen in eine Plastiktüte aus dem Supermarkt steckte und sie so lange gegen eine Betonkante schlug, bis sie ganz blutig war und Ruhe herrschte. Nach dem Ende der Lektüre kommt diese Szene aus dem Roman dem eigenen Gemütszustand wahrscheinlich am nächsten. Doch Gewalt ist in dem kleinen Dorf in der Picardie in Nordfrankreich, in dem die Handlung angelegt ist, nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Ebenso wie Rassismus, Homophobie und Sexismus.

Das Dorf ist eine eigene kleine Welt mit eigenen Regeln. Die Männer sind männlich und die Frauen versuchen es auch zu sein, denn Weiblichkeit bedeutet nur eines: Schwäche. Der Alltag ist geprägt von Alkoholexzessen und stumpfsinnigen Fernsehsendungen. Die wenigsten an diesem vergessenen Ort schließen die Schule ab und die meisten bekommen zu früh Kinder. Ihr Weg führt sie unweigerlich wie auch schon der Weg ihrer Eltern in die örtliche Fabrik. Oder auch in die Arbeitslosigkeit. Doch Eddy ist anders. Eddy ist schwul. Mit seinen flatternden Armen und seiner hohen Stimme wird er sofort zum Außenseiter. Die Eltern verstehen ihn nicht und versuchen ihn zwanghaft zu ändern, d.h. zu einem ‚echten Mann‘ zu machen. In der Schule wird er täglich von zwei Mitschülern misshandelt, verprügelt und gedemütigt.

Es ist die Geschichte eines Jungen, der versucht, wie alle anderen zu sein und am Ende erkennt, dass Flucht nicht Aufgabe bedeutet. Diese erfolgreiche Flucht, die direkt zu Beginn des Romans versprochen wird, ist der Grund, warum man den oft schwer verdaulichen Roman auch zu Ende liest.

In Frankreich hat der Roman einen kleinen Skandal ausgelöst. Autor Édouard Louis war bei der Veröffentlichung seines Debüts gerade mal 21 Jahre alt, und das Buch basiert auf seiner eigenen Biographie. Trotzdem hat er darauf bestanden, dass auf dem Cover ‚Roman‘ steht. Die Medien haben sich sofort auf die Geschichte gestürzt und das Dorf und die einzelnen Personen ausfindig gemacht und identifiziert. Doch der eigentliche Skandal ist, dass auch heute noch der Glaube vorhanden ist, dass es irgendeine Bedeutung für die Authentizität eines Werkes hat, was erfunden und was tatsächlich passiert ist. Oder wie schockiert Frankreich darauf reagiert hat, dass die ländliche Idylle durchaus ein Alptraum sein kann und Klasse, Homophobie und Rassismus keineswegs Probleme der Vergangenheit sind. Vor allem, wenn man bedenkt, dass Tausende von Franzosen erst kürzlich gegen die Homo-Ehe demonstriert haben. Umso bemerkenswerter ist es, dass es Louis gelungen ist, der Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten und über einen bildungsfernen Teil der Bevölkerung geschrieben hat, der bisher weitestgehend ignoriert wurde. Dabei legte er eigentlich nur etwas Offensichtliches bloß.

Louis schreibt sich jedoch nicht den Frust von der Seele und rechnet auch nicht mit seinen Peinigern ab. Stattdessen zeichnet er sich durch eine scharfe Beobachtungsgabe aus, mit der er jeder Figur gerecht wird. Ein Vorhaben, welches er in Interviews immer wieder betont hat und welches ihm auch durchaus gelungen ist. Es fällt auf, dass Louis mittlerweile diesem Milieu entkommen ist und Soziologie in Paris studiert. Und so sind es dann auch genau diese fast soziologischen Beobachtungen, die den Roman ausmachen. Was den Leser an das Buch fesselt, ist die Figur von Eddy und wie er das Dorf betrachtet. Er ist Teil dieser Welt und gleichzeitig ein Außenseiter. Mit unglaublicher Sprachgewalt zeigt er die Tristesse des Dorfes, in der Gewalt ein Ereignis ist, und das Leben von jedem seiner Bewohner von Anfang an vorbestimmt ist.

Maman, also nachts, ja, da stehen die Fabriken doch aber still, da schlafen sie?
Nein, die Fabrik schläft nicht. Sie schläft nie. Darum müssen dein Vater und dein großer Bruder ja manchmal nachts hin, damit sie nicht stehenbleibt.
Wenn ich groß bin, muss ich dann auch nachts in die Fabrik?
Ja.

Louis verbindet im Roman zwei Sprachebenen miteinander. Das Französisch des Dorfes, das in den kursiv gesetzten Dialogen immer wieder hervorsticht, und die Sprache des liberalen Paris, in dem Eddy am Ende – und ja, auch Louis selbst – Zuflucht gefunden hat. Er schreibt klar und deutlich und lässt sich nie dazu herab, etwas poetisch zu verklären. Es sind die einfachsten Aussagen im Roman wie dieser kurze Dialog, die den Leser treffen.

Nein, dies ist kein Buch, das besonders viel Freude beim Lesen bereitet. Also was bleibt am Ende übrig? Es ist ein Lebensweg, den man so niemanden wünscht. Doch es ist eine Geschichte, die es wert ist, aufgeschrieben und gelesen zu werden. Und wahrscheinlich ist es genauso wenig ein Buch, das die meisten mehr als einmal lesen werden. Doch auch das ist vollkommen in Ordnung. Auch so wird es lange genug in Erinnerung bleiben.

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