António Botto – Canções/Lieder

António Botto - Canções - Lieder

António Botto ist in Besitz eines Titels, den ihm niemand mehr streitig machen kann: Er ist der erste portugiesische Dichter, der offen, ohne zu maskieren, ohne anzudeuten, über seine Homosexualität geschrieben hat. Als er 1921 seine Canções/Lieder veröffentlicht, entwickeln sich die Gedichte zu einem Skandal – allerdings zu einem von seinem Verleger Fernando Pessoa provozierten. Ein Skandal, der irrsinnigerweise dazu geführt hat, dass einer der einflussreichsten Dichter seiner Zeit in Vergessenheit geraten ist.

Kurz nach Erscheinen der Canções/Lieder veröffentlicht Pessoa seinen Essay António Botto und das schöpferische Ideal der Ästhetik. Hier versucht er auf Biegen und Brechen den Dichter zu einem Ästheten zu erklären und gleichzeitig eine Apologetik zu verfassen. Allerdings noch bevor sich irgendjemand beschweren konnte. Dass Pessoa seinen Essay in einer publikumsmächtigen Zeitschrift veröffentlicht, nachdem die Gedichte selbst in einem sehr kleinen Verlag herausgebracht hat, ist also ein kalkulierter Schachzug. Die konservativen Kritiker haben sich sofort auf Botto gestürzt und seine perverse Sexualität, die er so schamlos in seinen Gedichten offenlegt, verurteilt. Und auch wenn Botto von zeitgenössischen Dichtern verteidigt wurde, eine urteilsfreie Besprechung war lange Zeit nicht möglich.

All das war Botto, der sich selbst zu dem Skandal kaum geäußert hat, ziemlich egal. Ausgestattet mit einer gehörigen Portion Selbstvertrauen, hat er sich selbst Zeit seines Lebens als einen der größten portugiesischen Dichter gesehen. Ist das womöglich etwas arrogant? Vielleicht, aber wenn ein Dichter diese auch noch allzu süffisant in seinen Gedichten verarbeiten kann („Laß mich sein, wie ich bin: / Verachtend, weil ichs mir erlauben kann.“) ist man schnell geneigt, ihm diesen Makel zu verzeihen. Auch weil Botto, als er sich in seiner Heimat nicht mehr wertgeschätzt fühlte, ins brasilianische Exil zog, wo er schließlich ohne viel Aufsehen zu erregen bei einem Autounfall gestorben ist.

António Botto zu einem Ästheten zu erklären, ist allerdings zu einfach. Ja, er schreibt über den männlichen Körper. Er besingt aber auch die Liebe zwischen zwei Männern in einer feindlichen Welt, das sehnsuchtsvolle Warten auf den anderen, den Schmerz einer Trennung. Es sind Gedichte über die Furcht, die eigenen Gefühle verständlich zu machen, über die Trunkenheit der körperlichen Vereinigung. Zumeist sind es kurze Beziehungen und flüchtige Begegnungen. Immer wieder verkehrt er gesellschaftliche Normen – wie es auch andere homosexuelle Künstler gemacht haben – und nutzt Todesbilder für seine eigenen Zwecke.

Bottos Sprache ist klar und einfach. Er bedient sich der Tradition des Volksliedes, bricht allerdings mit Form und Inhalt. So entstehen Leerstellen, die man als LeserIn mit eigenen Assoziationen füllt. Trotzdem – oder gerade deswegen – die Emotionalität jeder einzelnen Szene geht nie verloren.

Knapp 20 Jahre nach der Erstveröffentlicht hat der Elfenbein Verlag endlich eine neue Auflage der längst vergriffenen Canções/Lieder von António Botto herausgebracht. Anhand neuer biographischer Erkenntnisse wurde die Übersetzung einer kompletten Revision unterzogen. Der Band ist zweisprachig und enthält sowohl den Essay von Fernando Pessoa als auch ein Nachwort des Übersetzers Sven Limbeck. Höchste Zeit also diesen vergessenen Dichter neu zu entdecken und sich selbst von der Qualität seiner Lieder zu überzeugen.

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