„Saizeff hieß sie. Saizeff heißt Hase–hasenartig genauer – und steht an vierzehnter Stelle der häufigsten russischen Namen; so wird die Recherche nach dem Schicksal meiner Familie, nach der Spur allenfalls Überlebender, zur Suche nach der Maus im Heuhaufen. Vladimir aus Gorki, heute Horki, ansässig in Natzrat-Illit, Schwesterstadt von Nazareth – schreiben Sie Deutsch, Übersetzungsmaschine übersetzt alles –, antwortet mir, auf meine Frage, was aus meiner Familie geworden sei, per Mail: Die Familie der Hasen war eine der reichsten auf der Achterbahn. Aber die Familie der Hasen hat die Achterbahn vor 1917 auf einer Rutsche verlassen.“
Christoph Geisers neuster Roman ‚Die Spur des Hasen‘ trägt den tonangebenden Untertitel ‚Eine Grablegung‘. Dieser trifft in mehrerlei Hinsicht zu: Der Text bildet den Abschluss von Geisers autobiografischen Projekt ‚Rückkehr zur Herkunft‘ und ist der Versuch der Geschichte seiner russisch-jüdischen Großmutter beizukommen. Gleichzeitig markiert er aber auch das Ende der noch zu Lebzeiten erscheinenden Werkausgabe und stellt sich der damit einhergehenden Frage – ‚Was bleibt?‘ – wenn sein Autor irgendwann verstummt.
Die russisch-jüdische Großmutter, die Grandmama russe, bleibt ihm lange Zeit ein Phantom, eine Fremde, ein Mythos. Während ihres Medizinstudiums in der Schweiz lernt sie ihren zukünftigen Ehemann kennen und wird für die Ehe mit einem Goj aus dem kleinen Schtetl verbannt. Auch die Ehe nimmt kein glückliches Ende. Geschieden, ihrer Söhne beraubt und mit einer Schizophrenie-Diagnose landet sie in der Irrenanstalt – Nomen est omen – Hasenbühl. Außer der fragmentarischen Erzählungen über die Großmutter, über die kaum gesprochen wurde, gibt es nicht viel, was zu Grabe getragen werden könnte: Ein „Samowar, dem aber das Herzstück fehlt, sein Kännchen, das mutmaßlich zerbrach“, ein Koffer, „der verschwand, von der Cousine entführt, nach Horki, ehemals Gorki, zu Vladimir, als der noch Direktor des örtlichen Museums war, in der Absicht mutmaßlich, den Wahnsinn aus der Familie zu tilgen“ und eine Krankenakte, in der sie ausnahmsweise selbst zu Wort kommen darf und aus der im Text immer wieder zitiert wird.
In welche Form ist eine solch „gruusige“ Geschichte, wie es im Roman heißt, zu gießen? „[N]och einmal einen Familienroman schreiben? Ein bürgerliches Ehedrama? […] Einen Mythos womöglich? Medea-Material?“, fragen sich Geiser und sein Erzähler. Die Entscheidung fällt auf eine Grablegung, die all dies und zugleich nichts davon ist. Fragmentarisch und assoziativ erzählt der Text von einem individuellen Schicksal, welches zugleich das kollektive Schicksal des osteuropäischen Judentums ist. Geiser arbeitet dabei mit einer derart verdichteten Sprache, die mehrmaliges Lesen erfordert, und in der selbst scheinbar harmlose Bilder der Botanik die gewaltvollen Szenen der Vernichtung und Vertreibung heraufbeschwören. Auch der Versuch, oder viel mehr das Gedankenspiel, zu erfinden, scheitert. Keine Autofiktion vermag einer derartigen Realität gerecht zu werden und so umkreist ‚Die Spur des Hasen‘ stets nur die zurückgelassene Leerstelle.

Dementsprechend ist diese Grablegung auch eine Reflexion über die Kraft und die Rolle der Kunst: „Denn in der Erfahrung des Leichnams als Anwesenheit eines Abwesenden liegt, jedermann weiß es inzwischen (denn wir sagten’s vor Zeiten), der Ursprung der bildenden Kunst. Eine kunstvolle Anwesenheit – wenn wir nicht mehr da sind.“ Sie ist eine Konfrontation mit der eigenen Sterblichkeit und der Frage, was einst vom eigenen Werk übrig bleiben wird.
Die eigene Homosexualität, die Geiser spätestens mit seinem dritten Roman ‚Wüstenfahrt‘ (1984) öffentlich machte, und in den darauf folgenden Büchern vor allem immer wieder im Zuge der Aids-Epidemie bedeutsam wurde, wird hier kaum noch, und wenn nur mit äußerster Selbstverständlichkeit, thematisiert. In einer zentralen Szene, in der Geiser die Dimensionen von Herkunft und Identität verhandelt, kommt sie dann aber doch zur Sprache, ohne allerdings ausgesprochen zu werden. Die Liebe zu dem jüdischen Mitschüler Samuel wird zu einem Fixpunkt bezüglich der Frage nach der eigenen Identität. Denn während der Vater entsprechend der jüdischen Tradition der Matrilinearität noch als jüdisch gilt, trifft dies auf den Erzähler nicht mehr zu. Antisemitische wie auch rassistische Narrative vierteln ihn, bis nichts Halbes und nichts Ganzes übrigbleibt. Also: Was bleibt?
Diese den Text als roter Faden durchziehende Frage ist unterschiedlich zu beantworten. Was von der Geschichte der Grandmama russe, der gruusigen Geschichte, bleibt, ist nicht viel mehr als eine Spur im Schnee, ein Abdruck, der darauf verweist, dass es jemanden gegeben haben muss. Die Prävalenz dieser Frage mag, wie auch der Literaturwissenschaftler Caspar Battegay in seinem Nachwort schreibt, ein klassisches Motiv im Spätwerk seines Autors sein. Geiser zeigt sich hier allerdings sprachmächtig wie auch formal ganz offensichtlich auf der Höhe seines Schaffens – ein Schaffen, dessen Einfluss auf die – schwule bzw. queere – Literatur nicht zu unterschätzen ist. Dieser literarischen Spur folgt dieser Leser und Rezensent nur zu gerne.
Zur Inszenierung: Die Bilder zeigen die Skulptur ‚Der Hase‘ von Jürgen Goertz. Sie ist Albrecht Dürers Feldhasen nachempfunden und befindet sich im Nürnberger Burgviertel.
