Stephan Lohse – Das Knistern im All

„Ich habe nur das Meer gehört. Es wurde immer lauter. Und im All ein Knistern. Wahrscheinlich habe ich kurz die Augen zugemacht. Als ich sie wieder aufgemacht habe, stand ein Tier über mir und hat mich angesehen. Ich hätte mich erschrecken sollen. Habe ich aber nicht. Es war eine Antilope, eine Impala, eine afrikanische Schwarzfersenantilope.“

Erwachsenwerden ist nicht einfach. Vor allem nicht, wenn sich das Leben und die Realität unerträglich anfühlen. Da kann es schon einmal zum (psychischen Zusammen-)Bruch kommen. Matti ist fünfzehn, als es das erste Mal passiert. Im Wattenmeer auf Amrum. Ein Kurzschluss, ein rätselhaftes Knistern im All und die Antilope. Aber es gibt zum Glück auch die schönen Dinge, die die Welt wieder zusammenfügen: Freund*innen, Revolte und erste Male ganz anderer Natur.

Stephan Lohses neuster Roman ‚Das Knistern im All‘ erzählt eine Coming-of-Age-Geschichte wider Willen. Denn Matti will nicht wie die anderen erwachsen werden, er will lieber „rumsitzen, reden, Süßigkeiten essen, lachen, Zeit haben, bisschen streiten, dann wieder lachen, was unter Wasser setzen, was anzünden, kämpfen, gewinnen oder, noch besser, lässig verlieren“. Matti ist ein Protagonist, mit dem es sich Lohse wahrlich nicht leicht gemacht hat, denn Matti ist reich – Check your privilege, wie es so schön heißt – und leidet unter Wohlstandsverwahrlosung. Die Mutter fühlt sich gefangen in einer lieblosen Ehe, der Vater wurde reich mit ihrem Geld, seine Radartechnik wird weltweit für die Kriegsführung eingesetzt. Solche Eltern machen einen links, zwangsläufig.

Matti ist aber auch einer, der glaubt, dass es reicht, den Leuten vor den Kopf zu schauen, um sie zu kennen, der in seinem Gegenüber oft alberne Zeichnungen auf einem Panel sieht, „NPCs, die wie Bots immer das gleiche abspulen“. Doch auch hier stimmen Realität und Wahrnehmung nicht immer überein.  Aber nicht schlimm, sowas lernt man mit der Zeit, mit der Erfahrung, so wie auch, dass es eine eigene Nummer für die psychische Krankheit gibt, an der man leidet. Auch sich selbst empfindet Matti als eine Idee, die nichts mit der Realität zu tun hat.

Was für geeigneteres Bild gibt es, um die Entfremdung zu schreiben, die viele junge Menschen im Angesicht der Welt empfinden, überwältigt von den Krisen, die sie bewältigen müssen und doch nicht zu verantworten haben? Damit gelingt Stephan Lohse die schmale Gratwanderung, zum einem sehr empathisch über mentale Gesundheit und psychische Erkrankungen zu erzählen, zum anderen das Bild einer Generation zu beschreiben, die an dem Zustand ihrer Realität erkrankt. Dieser Gratwanderung gerecht zu werden, ist schwierig – Stephan Lohses ‚Das Knistern im All‘ gelingt es aber (imho). Dass Florian Schmidt in seiner Rezension für den ndr urteilt, dass der Roman „zu viel“ will, mag stimmen, scheint mir aber auch programmatisch zu sein. Es scheint unmöglich, diesem Zuviel irgendwie gerecht zu werden. Stephan Lohse erzählt davon in einer Sprache, die eigen und kunstvoll ist, aber erst gar nicht versucht, irgendwen zu imitieren – und deswegen überzeugt.

Insgesamt drei Jahre deckt der Roman ab, die letzten drei Schuljahre, um genau zu sein, in denen Matti lernt, worauf es wirklich ankommt. Freundschaften, dem Stillstand trotzen, die Liebe. Matti hat mehrere erste Male, mit Anna und mit Can. Queerness ist hier eine Entdeckungsreise, die zwar nicht geradlinig, aber ganz unaufgeregt verläuft. Man probiert sich halt aus, keine große Sache. The kids are alight, wie es auch so schön heißt.

‚Das Knistern im All‘ ist es auch. Mehr als das sogar.

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