Armin Wühle – Mala Visión

Armin Wühle - Mala Visión

Meine Augen sind dabei nutzlos, sie nehmen nur braune und ockerfarbene Flächen wahr, gelegentlich dunkelgrüne und graue. Selbst meine eigene Hand erkenne ich bloß als konturlosen Klecks. Meine Augen unterscheiden Farben, reagieren auf Sonnenlicht, und doch bin ich so gut wie blind. Ich sehe, und sehe doch nicht.

Geghostet: Nach sechs Jahren Beziehung wird Rafa von einem Tag auf den anderen und ohne ein Wort der Erklärung von seinem Partner Hannes verlassen. Monate später sieht er auf Instagram ein Foto, das Hannes in Mexiko zeigt. Kurz entschlossen reist er hinterher – und findet sich aufgrund einer Verkettung unglücklicher Umstände allein im mexikanischen Wald wieder. Mit gebrochenem Herzen, gebrochenem Handgelenk und verlorener Brille. Bei 12 Dioptrien verliert die Welt ihre Form – im metaphorischen wie im eigentlichen Sinn.

In seinem zweiten Roman ‚Mala Visión‘ erzählt Armin Wühle von einem dieser Ereignisse, die das Leben in ein Davor und ein Danach aufteilen. Entsprechend erzählt Wühle die Geschichte seines Helden zweigeteilt: In Hamburg wird Rafa am Abend vor dem ersehnten Umzug in die gemeinsame Wohnung von seinem Parter verlassen. Plötzlich gibt es keine Nachrichten mehr, plötzlich ist er auf allen Kanälen und Plattformen blockiert. Was ist passiert? Was hat er falsch gemacht? Wurde er die ganzen Jahre über belogen? Und wie soll er je wieder lieben, wenn er sich derart in einem Menschen getäuscht hat? Im Mexiko muss Rafa auf sich selbst zurückgeworfen einen Weg aus dem Dickicht seiner Gedanken und zurück zu sich selbst finden.

Mala Visión‘ erzählt von den psychischen Konsequenzen solch eines Verschwindens in all seinen Konsequenzen, ohne dabei Rafa als unfehlbaren Helden zu stilisieren. Stattdessen beschreibt Wühle ihn in all seiner Verzweiflung und Erbärmlichkeit, egal wie unschön oder unangenehm das ist: „Und doch wache ich jeden Tag mit der Hoffnung auf, eine Erklärung zu erhalten, vielleicht sogar eine Entschuldigung. Das kommt mir abwechselnd traurig und erbärmlich vor, aber vor allem dumm. Ich bin wie eine Laborratte, die jedes Mal zu ihrer vermeintlichen Belohnung rennt, obwohl es ihr einen Stromschlag verpasst; die sich schon im Besitz ihres Käsestücks wähnt, bevor der Stromschlag sie zuckend und krampfend auf den Boden wirft. Intelligente Lebewesen halten sich ab dem zweiten Mal fern; ich hingegen werde hinlaufen, bis ich mit roten Augen tot auf dem Rücken liege.

Hannes‘ Verschwinden beendet nicht nur alle Pläne für eine gemeinsame Zukunft, es zwingt Rafa auch dazu, ihre gesamte Beziehung durchzudeklinieren, Fehltritte, den unerfüllten Kinderwunsch, das Streben nach einer gewissen Bürgerlichkeit. Doch weil es keine Antworten gibt, führen Rafas Zweifel unweigerlich auch zu einer Konfrontation mit sich selbst, mit seiner Sexualität und seiner Familie.

Leser*innen werden wahrscheinlich Präferenzen bezüglich der einander kapitelweise abwechselnden Handlungsstränge entwickeln. Glücklicherweise prescht Wühle aber sowohl in Hamburg als auch in Mexiko mit genug Zugkraft voran, um Leser*innen beider Teams bei Laune zu halten. Und trotz – oder vielleicht auch gerade wegen – der existenziellen Not, mit der sich die Figur konfrontiert sieht, blitzen immer wieder Momente der Leichtigkeit auf, die es erlauben, gemeinsam mit Rafa über sein Elend zu lachen.

Schnörkellos, eindringlich und zutiefst menschlich schreibt Armin Wühle in ‚Mala Visión‘ davon, was es bedeutet, jegliche Lebensgewissheiten zu verlieren und von dem mühsamen Weg zurück zu sich selbst.

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