„Du überlegst, wann es passiert ist, seit wann euch von diesen Tagen nur übereinandergelegte Erinnerungen geblieben sind, eingerenkt in zersplitterte Geschichten, von denen du lediglich erzählen kannst. Als ihr beide an jenem Punkt vorbeigekommen seid, an dem das Leben wieder rückwärts zu laufen beginnt, sich in sich selbst zurückzieht, und alles Neue verschwindet hinter der letzten Biegung.“
Ein Anruf mitten in der Nacht, sein Großvater ist tot, und die Vergangenheit wird lebendig. Marek Torčíks Debütroman ‚Was die Zeit nicht nimmt‘ (aus dem Tschechischen von Mirko Kraetsch) ist ein internationaler Hit, der in bisher 27 Sprachen übersetzt wurde – und immer wieder mit dem Werk Édouard Louis‘ verglichen wird. Denn auch Torčík erzählt die Geschichte von einem, der seiner Herkunft zu entkommen versucht. Dieser allzu offensichtliche Vergleich wird diesem Debüt allerdings alles andere als gerecht.
Torčíks Protagonist Marek – der sicherlich mehr als nur den Namen mit ihm gemeinsam hat – lebt mittlerweile in Prag, er hat studiert und teilt das Bett mit seinem Partner Jakub. Als ihn jedoch die Nachricht vom Tod seines Großvaters erreicht, kehren die Vergangenheit und der Ort, denen er entkommen zu sein meint, schlagartig zurück. In dem Städtchen seiner Kindheit gehören die wenigsten zu den Gewinnern der Samtenen Revolution von 1989. Wie schon seine Mutter, seine Großmutter und sein Großvater schuften die meisten in der lokalen Fabrik und schlagen sich irgendwie durch. Er ist als einer der wenigen der Enge, der Gewalt und der Armut entkommen.
‚Was die Zeit nicht nimmt‘ ist aus der 2. Person, der Du-Perspektive, erzählt. Es ist eine Geschichte, die er sich selbst erzählt, und eine Perspektive, die es ihm ermöglicht, jedes noch so hässliche Detail unter die Lupe zu nehmen. So wie auch seine Mutter jeden Tag in der Fabrik auf maschinelle Linsen starrt, um diese auf ein Tausendstel genau zu kalibrieren. Ihre Geschichte ist es auch, welche gut die erste Hälfte des Romans einnimmt.
Diese Linse, die Perspektive des Du, mit der der Protagonist auf sich schaut, ist die gleiche durch die er auf seine Mutter blickt. Sie befinden sich beide zugleich im Radius dieser Perspektive, weil Mutter und Sohn nur gemeinsam und im Verhältnis zueinander verstanden werden können. Und das trifft genauso sehr auf ihre Unzulänglichkeiten und Fehler zu, die hier genauso sehr zutage treten wie auch das misogyne, rassistische und queerfeindliche System, in dem sie sich bewegen.
Auch Mareks Mutter wächst in Armut auf. Sie, die sich auch um ihren alkoholkranken Vater kümmert, nachdem ihre Mutter vor seinen Gewalt- und Alkoholexzessen geflüchtet ist, die Opfer sexualisierter Gewalt wird, die sich als alleinerziehende Mutter um ihren Sohn kümmert und ihren Körper für ihn zugrunde schuftet – die sich aber genauso wenig vom rassistischen und queerfeindlichen Denken ihrer Umgebung freimachen kann. Und doch degradiert Torčík sie nicht zur Bösewichtin des Romans: „Deine Mutter war es, die aus Opa wieder einen Menschen gemacht hat. Als Einzige in der ganzen Familie hatte sie den Willen, sich um ihn zu kümmern. Zu begreifen, dass sich Menschen ändern können. Ihm eine zweite Chance zu geben. Genauso wie du damals auch eine bekommen hast, wie du so oft eine bekommen hast und wie du so oft im Leben noch eine bekommen wirst. Sie hat für euch zwei ein Stück von sich selbst geopfert, und du begreifst bis heute nicht, warum.“
Hinter diesem Zitat scheint sich dann auch das Herz oder – um es etwas nüchterner auszudrücken – das Program des Romans zu verbergen, ist Torčík doch an der Menschwerdung all seiner Figuren interessiert – auch, wie bereits erwähnt, im Verhältnis zueinander. Das unterscheidet ihn von Autor*innen wie Édouard Louis oder Annie Ernaux, die das Figurenpersonal ihrer Analyse auf ein Werk verteilen müssen (um es mal böse auszudrücken). Torčíks Roman fühlt sich weniger berechnend und umso authentischer an. Das liegt auch daran, dass diese Autofiktion ihren Helden nicht zu einem unfehlbaren Helden stilisiert.
Die rohe und exzessive Gewalt, die sich über Marek entlädt, als seine Mitschüler sein Anderssein begreifen, ist auch als Leser*in nur schwer zu ertragen. Als sie diese Gewalt gegen den Rom Marián richtet, ist es vor allem Erleichterung, die Marek verspürt. Marián, der auch der erste Junge sein wird, den Marek liebt, ist letzten Endes auch die erste Person, die er verrät, um seiner Herkunft vollends zu entkommen: „Man ist so lange auf den untersten Stufen der Gesellschaft, so lange hackt jemand auf dir herum, übergeht dich, bis für dich die Körper der Menschen, die noch ein Stück unter dir stehen, das Letzte sind, woran du wenigstens noch einen Hauch von Macht ausleben kannst. Noch gelingt es dir zu zeigen, dass ihre Körper nicht so ganz menschlich sind, dass ihnen etwas fehlt. Etwas, das du noch hast, noch bist du nicht ganz am Boden, noch kannst du dich nach vorn bewegen – und genau solchen Körpern muss die Hoffnung auf ein besseres Leben genommen werden. Die Grenze dessen, wer du bist, ist die Grenze deines Körpers, aber die Grenze deines Körpers gehört dir eben nie so ganz.“
‚Was die Zeit nicht nimmt‘ ist ein literarisch klug komponierter Text, der weder verklärt, noch beschönigt und auch in seinen Monstern das Menschliche findet. Mit seinem Debüt ist Marek Torčík eine Reflexion über den stupiden Kreislauf der Armut und der Gewalt gelungen, die sich teilweise nur schwer aushalten lässt, deren Gewalt aber nicht bloß Mittel zum Zweck ist. Vielmehr befragt Torčík sich und seine Figuren, warum es gerade jene Erinnerungen sind, die uns heimsuchen und warum es diese Geschichten sind, die wir immer wieder erzählen. Kurzum, ein Text der bleibt.
