4. Herausforderungen beim Kanonisierungsprozess von schwuler Literatur – 4.2 Die Herausforderungen eines transnationalen schwulen Kanons

Herausforderungen beim Kanonisierungsprozess von schwuler Literatur

4.2.1 Weltliteratur in Zeiten der Globalisierung

Ein Kanon schwuler (Welt-)Literatur mit einer transnationalen Ausrichtung muss sich den Herausforderungen einer globalisierten Welt stellen. Wie genau jedoch Weltliteratur definiert wird, ist, genau wie die Frage nach der Beziehung zwischen Weltliteratur und dem Prozess der Globalisierung, nicht eindeutig geklärt.[1]

Globalisierung kann beschrieben werden als die

Prozesse ökonomischer, politischer, sozialer und kultureller Integration, die nationale Grenzen überschreiten und auf der Grundlage einer umfassenden verkehrs- und medientechnologischen Vernetzung weltumspannende Interaktionsräume und Interdependenzen erzeugen.[2]

Die Komparatistik hat zwei Modelle, um die Beziehung zwischen Globalisierung und Weltliteratur zu beschreiben und damit gleichzeitig auch eine Definition von Weltliteratur zu ermöglichen. Diese Konzeptualisierungen gehen auf Goethes Vorstellung von Weltliteratur zurück, welche er sich als Kommunikation der Nationalliteraturen untereinander vorstellte, wobei er „vor allem innereuropäische Zirkulationsbewegungen im Blick hatte und allenfalls noch den Austausch zwischen Ost und West ins Kalkül zog“.[3] In einer globalisierten Welt sind diese Bewegungen jedoch weiter zu fassen. Das erste asymmetrische Modell versteht das Verhältnis der Literaturen der Welt als eines zwischen einem westeuropäischen Zentrum und einer Peripherie. Die Literaturen der Peripherie werden durch das Zentrum beeinflusst, „um vor Ort Kompromissbildungen zwischen westlicher Form und nichtwestlichen Gehalten einzugehen.“[4] Das polyzentrische Modell hingegen hat sich von der Vorstellung der Nationalliteraturen verabschiedet. Literaturen entstehen hier in einem transnationalen Feld, so dass der Kommunikationsprozess von jedem beliebigen Punkt auf der Erde ausgehen kann und jede Literatur „eine weltliterarische Dimension“ besitzt und „aufgrund der kommunikationstechnologisch gesicherten Interkonnektivität potentiell eine globale Ausstrahlung“ aufweisen.[5] Um eine praktische Arbeit mit diesem Modell zu ermöglichen, schlägt der Literaturwissenschaftler David Damrosch vor, nur solche Texte als Weltliteratur zu definieren, welche auch außerhalb ihres Entstehungsortes eine manifeste Wirkung aufweisen.[6] Aber welche Gegebenheiten müssen vorliegen, damit ein Text weltweit zirkuliert? Politische, informative, finanzielle, technologische und auch religiöse Fragen von Macht spielen dabei eine Rolle, die durchaus Einfluss auf die Übersetzung und die Rezeption des Textes nehmen können.[7] Übersetzungen sind natürlich auch in gewisser Weise Interpretationen und nicht die bloße Wiedergabe des ursprünglichen Textes:

[T]he source text and its transnational representation are situated in a ‚norm-system“ or hierarchy of value in their respective cultures, where the position occupied by each might be central or peripheral, canonical or marginal. The position that the translation occupies in the receiving culture can determine its representation of the source text […].[8]

In diesem Sinn kann Globalisierung als etwas durchaus Positives beschrieben werden. Indem sich Texte aus ihren lokalen Kontexten lösen, entstehen „weltumspannende Interaktionsräume“.[9] Weltliteratur und Globalisierungsprozesse lenken also die Aufmerksamkeit darauf, wie Texte zirkulieren und wie auf einer transnationalen Ebene Texte sich inspirieren und austauschen: Als Leser sind wir gezwungen, das Studium des täglichen Lebens und der Literaturgeschichte anzupassen und uns von nationalen, monolinguistischen und internationalen Modellen zu verabschieden, „producing a new emphasis on local-global interactions, contact zones, regional formations, and multilingual literatures, among other things“.[10] Allerdings gibt es auch durchaus kritische Positionen gegenüber der Globalisierung und ihren Einfluss auf die Literatur.

Einer der größten Kritikpunkte ist wohl die US-Hegemonie, also der Einfluss der Vereinigten Staaten auf die Kulturen der Welt. Kulturelle Differenzen gehen demnach verloren oder werden sogar zerstört.[11] Dieser kulturelle Imperialismus hat den klassischen Imperialismus und den Kolonialismus abgelöst, allerdings nicht ohne Widerstand.[12] Gerade weil die englische Sprache im Internet, den Medien und auch akademischen Zeitschriften vorherrscht, sind Minderheiten oft gezwungen, sich in Form einer Übersetzung auszudrücken, also bereits interpretiert.[13] Das ist umso wichtiger, da unser Verständnis von Wissen als universell akzeptiert wird, auch wenn es von einer westlichen Elite ausgeht, welche alle anderen Formen des Wissens als nicht-rational degradiert.[14] Die Komparatistin Gayatri Chakravorty Spivak schlägt, bezüglich der Problematik für jemand anders als sich selbst zu sprechen, einen strategischen Essentialismus vor, also ein eindeutiges Bild von Identität, um Politiken der Unterdrückung zu bekämpfen.[15]

Diesen Herausforderungen einer globalisierten Welt muss sich auch die schwule Literatur stellen, wenn sie sich transnational orientieren möchte.

4.2.1 Schwule Literatur in Zeiten der Globalisierung

Ein Kanon schwuler Literatur mit einer transnationalen Ausrichtung muss sich der Frage stellen, wie er damit umgeht, dass nicht nur durch die Zeit hindurch, sondern auch von Kultur zu Kultur Homosexualität unterschiedlich definiert beziehungsweise imaginiert wird. Der Umgang mit gleichgeschlechtlichem Begehren in der japanischen Literatur beispielsweise unterscheidet sich sehr von westlichen Vorstellungen, „bringing into question the very notion of a Japanese ‚gay and lesbian literary tradition‘.“[16] Ähnliches gilt für den afrikanischen Kontinent, wo in vielen Teilen der Bevölkerung noch immer davon ausgegangen wird, dass es sich bei Homosexualität um schädlichen Einfluss des Westens handelt,[17] und Indien. Die Frage, die sich stellt, ist, wie ein Kanon damit umgeht, der als identitätsstiftendes und -stabilisierendes Medium dienen will. Es ließe sich mit Spivaks strategischen Essentialismus argumentieren, die von einer konstruierten gemeinsamen Identität ausgeht, um Unterdrückungsmechanismen zu begegnen. Aber der schwule Kanon will und muss mehr als das leisten. Die Herausgeber der Anthologie schwuler japanischer Literatur Partings at Dawn weisen darauf hin, dass westliche Leser durch die Lektüre ein Bild von gleichgeschlechtlicher Lieber erhalten, welches sich von dem ihren unterscheidet und ihren Horizont erweitert.[18] Das entspricht der Definition von Weltliteratur nach „der sich das Subjekt der Erfahrung kultureller Alteritäten öffnet.“[19] Gerade dieser Vergleich des Eigenen mit dem Fremden ermöglicht es dem Individuum ein Gefühl der Freiheit innerhalb einer kollektiven Gemeinschaft zu empfinden.[20] In dieser Hinsicht „versucht Weltliteratur […] die Grenzen des Nationalen zu überwinden, ohne dabei die Spezifika des jeweils Eigenen wie Fremden aus den Augen zu verlieren.“[21] Gerade dieses Spezifikum zu bewahren ist jedoch mit der Selbstverständlichkeit, mit der die US-amerikanische schwule Kultur sich als universell präsentiert, schwer zu bewahren. An dieser Stelle sind die bereits erwähnten Stonewall-Aufstände zu nennen, die maßgeblichen Einfluss auf die amerikanische schwule Literatur und Kultur als Ganzes genommen haben, so sehr, dass sie als Meilenstein gilt, welcher die schwule Literatur in ein Davor und Danach einteilt. Die Aufstände von 1969 gelten im Allgemeinen als Geburtsstunde der Schwulenbewegung. Dabei wird jedoch vergessen, dass es bereits vorher organisierte Proteste in Italien und Paris gab, welche „durch andere radikale Proteste politisiert worden waren und sich als Teil einer breiteren Bewegung verstanden, die eine Transformation der westlichen Gesellschaft anstrebte.“[22] Und so sind sie sogenannten Pride-Paraden, welche ursprünglich in Gedenken an die Stonewall-Aufstände organisiert wurden, Teil der westlichen Welt und auch darüber hinaus, die Aufstände an sich sind jedoch ein Stück amerikanischer schwuler Geschichte.[23] Das heißt nicht, dass sie keinen Einfluss auf die lokalen Schwulenbewegungen genommen haben. Amerikanische Schriftsteller und Literaturwissenschaftler schreiben jedoch oft über Stonewall, als würde es sich dabei um ein globales Ereignis handeln. Wenig verwunderlich ist also die offene Frage des Literaturwissenschaftlers Les Brooks, wieso schwule Literatur seit Stonewall überwiegend amerikanisch sei.[24] In die gleiche Kategorie fällt Robert Drakes Aussage, nur solche Texte für seinen Kanon schwuler Literatur zu berücksichtigen, die auf englisch oder in englischer Übersetzung erschienen sind, weil diese maßgeblich eine Subkultur geprägt haben, während die restlichen Texte mit sicherlich von der Qualität her kanonischen Status genießen könnten, in den Vereinigten Staaten oder West Europa jedoch unbekannt seien.[25] Die Auswahl der Bücher hat sicherlich auch praktische Gründe, die so nicht ausgesprochen werden können, namentlich, dass Drakes Leser keine andere Sprache als die englische beherrschen. Vor allem ist es aber problematisch, von einer Subkultur zu sprechen, welche die Vereinigten Staaten und ganz West Europa in ihren gesellschaftlichen und kulturellen Spezifika gleichstellt und dabei spezifische Lebensrealitäten ignoriert. Der Paragraph 175, der Homosexualität in Deutschland unter Strafe stellte, ist an dieser Stelle als Beispiel zu nennen. Dieser blieb bis zum 1. September 1969 in der Fassung, wie die Nationalsozialisten ihn einführten, um homosexuelle Männer zu verfolgen und in Konzentrationslager zu schicken, in Kraft und wurde erst 1994 vollständig aus dem Gesetzbuch gestrichen.[26] Einer der – wenn auch der gleichzeitig meist gehasste – Klassiker der schwulen (amerikanischen) Literatur Faggots von Larry Kramer von 1978 ist erst 2011 das erste Mal in deutscher Übersetzung hierzulande erschienen.[27] Dementsprechend ist davon auszugehen, dass die zeitgenössische Wirkung des Textes auf die deutschsprachige schwule Subkultur und ihre Literatur als eher gering einzustufen ist. Wenn also von einer schwulen Literatur die Rede ist, ist damit oft unterschwellig eine amerikanische schwule Literatur gemeint, die sehr selbstverständlich einen Universalanspruch für sich erhebt.

Auch Indiens schwule Literatur- und Kulturgeschichte ordnet sich rund um ein Gesetz, welches durch die britische Kolonialherrschaft eingeführt wurde. Abschnitt 377 des sogenannten Indian Penal Code (IPC) stellte homosexuelle Beziehungen unter Strafe und wurde erst 2012 durch Indiens Obersten Gerichtshof abgeschafft.[28] Auch wenn es zu einfach wäre, davon auszugehen, dass Indiens Unterdrückung sexueller Minderheiten einzig und allein auf die Kolonialherrschaft der Briten zurückgeht, lässt sich doch eindeutig erkennen, dass Indiens Einstellung gegenüber sexueller Identitäten und seine Präsentation eben jener um einiges offener und vielfältiger war.[29] Gerade deswegen ist es schwer, die (literarische) Entwicklung schwuler Kulturen verschiedener Nationen anhand einer einheitlichen Zeitleiste zu beschreiben.[30]

Weil Indiens Geschichte sexueller Identitäten eine andere ist, haben sich für ihre Beschreibung andere Begrifflichkeiten herausgebildet wie sakhi, kothi, panthi und masti.[31] Gerade weil das Thema Sexualität in Indien so eng mit religiösen Überzeugungen verknüpft ist und entsprechend andere Definitionen angewendet werden, stellt sich die Frage, inwiefern westliche Begriffe für Homosexualität innerhalb der Literaturwissenschaft (und auch darüber hinaus) sinnvoll anzuwenden sind.[32] Das gilt natürlich auch für andere Kulturen beziehungsweise Sprachräume, im Arabischen gab es bis vor kurzem ebenso wenig einen neutralen Begriff, um Homosexualität zu beschreiben.[33] Bei der Betrachtung nicht-westlicher „schwuler“ Literatur muss dieser wichtige Aspekt stets berücksichtigt werden, aber auch für die Übersetzung dieser Werke gilt dies zu beachten. Denn eine Anpassung der Begrifflichkeiten, die westliche Leser direkt verstehen, würde bedeuten, die lokalen Spezifika zu ignorieren und mit den unseren gleichzuschalten. Aber auch vor Ort spielen Sprache – und damit auch einhergehend Globalisierungsprozesse – eine tragende Rolle im Diskurs um „schwule“ indische Literatur. Ein Großteil der Literatur wird von einer Englisch sprechenden und schreibenden Elite verfasst, während in regionalen Sprachen verfasste Texte eine geringe Zirkulation aufweisen.[34] Diesen englischsprachigen Texten wird vorgeworfen, dass sie die Herausforderungen und Besonderheiten lokaler sexueller Minderheiten nur unzureichend darstellen können und unter den vielfältigen, vereinheitlichenden Nebenwirkungen von Globalisierungsprozessen leiden.[35] Indien leidet als ein postkoloniales Land unter der paradoxen Situation, dass die Unmöglichkeit über Homosexualität zu schreiben, auf britische Gesetzgebung zurückzuführen ist, gleichzeitig – trotz der Abschaffung des Verbots – in vielen Teilen der Gesellschaft noch immer davon ausgegangen wird, dass es sich bei Homosexualität um einen westlichen Import handelt.[36] Eine der ersten einflussreichen Anthologien „schwuler“ Literatur hat Homosexualität entsprechend als Hybrid westlicher und indischer Elemente dargestellt.[37] In der kollektiven Vorstellung gilt das heterosexuelle Patriarchat noch immer als Merkmal der indischen Identität, jeder Versuch über  homosexuelle oder auch queere Beziehungen zu schreiben, muss als post-national kategorisiert werden.[38] Hier birgt die Globalisierung in Form des Austausches von Texten, die sich mit der Lebensrealität sexueller Minderheiten beschäftigen – zumindest für ein Englisch lesendes Publikum – das Potential, eine gesellschaftlich transformative Rolle einzunehmen.[39] Allerdings stellt sich die Frage, ob solch eine Form des kulturellen Imperialismus es wert ist, lokale Spezifika zu untermauern und womöglich auch in Vergessenheit geraten zu lassen.


[1] Vgl. Hayot, Eric: World Literature and Globalization. In: The Routledge Companion to World Literature. Hrsg. v. Theo D’haen, David Damrosch u.a.. London: Routledge, 2012. S.224.

[2] Vgl. Moser, Christian: Globalisierung und Komparatistik. In: Handbuch Komparatistik. 2013. S.161.

[3] Vgl. Ebd.

[4] Vgl. Ebd.

[5] Vgl. Ebd. S.163.

[6] Vgl. Ebd.

[7] Vgl. Berman, Sandra: World Literature and Comparative Literature. In: The Routledge Companion to World Literature. 2012. S.175.

[8] Vgl. Venuti, Lawrence: World Literature and Translation Studies. In: ebd. S.186.

[9] Vgl. Moser, Christian: Globalisierung und Komparatistik. In: Handbuch Komparatistik. 2013. S.161.

[10] Vgl. Hayot, Eric: World Literature and Globalization. In: The Routledge Companion to World Literature. 2012. S.224.

[11] Vgl. Ebd.

[12] Vgl. Sharp, Joanne P.: Geographies of post-colonialism: spaces of power and representation. Los Angeles: Sage, 2009. S.83.

[13] Vgl. Ebd. S.111.

[14] Vgl. Ebd.

[15] Vgl. Ebd. S.114.

[16] Vgl. Schalow, Paul Gordon: Introduction. In: Partings at Dawn. 1996. S.11.

[17] Vgl. Dunton, Chris: „Wheyting be dat?“ The Treatment of Homosexuality in African Literature. In: Homosexual Themes in Literary Studies. 1992. S.102.

[18] Vgl. Schalow, Paul Gordon: Introduction. In: Partings at Dawn. 1996. S.11.

[19] Vgl. Goßens, Peter: Weltliteratur. 2011. S.2.

[20] Vgl. Ebd.

[21] Vgl. Ebd. S.5.

[22] Vgl. Altman, Dennis u. Symons, Jonathan: Queer Wars. 2017. S.43.

[23] Vgl. Ebd. S.44f.

[24] Vgl. Brookes, Les: Gay Male Fiction Since Stonewall. 2009. S.11.

[25] Vgl. Drake, Robert: The Gay Canon. 1998. S.XVII.

[26] Vgl. Maiwald, Stefan; Mischler, Gerd: Sexualität unter dem Hakenkreuz. 2002. S.220.

[27] Vgl. Kramer, Larry: Schwuchteln. Aus dem Amerikanischen von Peter Peschke. Berlin: Gmünder, 2011.

[28] Vgl. Bose, Brinda: Notes on Queer Politics in South Asia and Its Diaspora. In: The Cambridge History of Gay and Lesbian Literature. 2014. S.498.

[29] Vgl. Ebd. S.501.

[30] Vgl. Ebd. S.499.

[31] Vgl. Ebd. S.500.

[32] Vgl. Ebd.

[33] Vgl. Baer, Brian James: Translation and the Making of Modern Russian Literature. 2016. S.135f.

[34] Vgl. Bose, Brinda: Notes on Queer Politics in South Asia and Its Diaspora. In: The Cambridge History of Gay and Lesbian Literature. 2014. S.504.

[35] Vgl. Ebd.

[36] Vgl. Ebd. S.502.

[37] Vgl. Ebd.

[38] Vgl. Ebd. S.503.

[39] Vgl. Ebd.

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