3. Kanonformen – 3.4 Der schwule Kanon in den sozialen Medien

Der schwule Kanon in den sozialen Medien

Die zuvor beschriebenen Ausschlusskriterien sind auch in der Hinsicht kritisch zu betrachten, da „unterschiedliche Gruppen einer Gesellschaft […] je unterschiedliche Bedürfnisse nach Identifizierung und Differenzierung [haben].“[1] Ein Blick in die Welt der neuen Medien erschafft einen guten Eindruck davon, wie unterschiedlich die Vorstellung vom Status eines schwulen Klassikers bei unterschiedlichen Lesergruppen ausfällt. Denn im Gegensatz zu den Kanones, die an den Universitären gelehrt werden, die einen „relativ hohe[n] Verbindlichkeits-, aber potenziell geringe[n] Akzeptanzgrad“[2] aufweisen, haben die oft kanonähnlichen Listen in den unterschiedlichen sozialen Netzwerken „zwar einen geringen Verbindlichkeitsgrad, aber einen hohen Akzeptanzgrad“[3].

The Publishing Triangle – The Association of Lesbians and Gay Men in Publishing führt auf ihrer Seite zwei Listen mit den besten lesbischen und schwulen Büchern. Die eine Liste führt die vom Verband selbst gewählten Bücher (insgesamt 100), die zweite die von den Lesern gewählte (insgesamt 88).[4] Die Listen enthalten, trotz ihrer Inklusion lesbischer Literatur, interessante Ansätze. Auch ist zu hinterfragen, ob ein Adjektiv wie „best“ mit dem Status Klassiker gleichzusetzen ist.

Die ersten fünf Bücher der vom Verband aufgestellten Liste enthalten bekannte Namen männlicher Autoren: Der Tod in Venedig von Thomas Mann, Giovanni’s Room von James Baldwin, Notre-Dames-des-Fleurs von Jean Genet, À la recherche du temps perdu von Marcel Proust und L’Immoraliste von André Gide. Auf der Liste befinden sich auch noch Namen wie Herman Melville, Vladimir Nabokov, Robert Musil und Honoré de Balzac. Insgesamt handelt es sich also um Autoren, die – bis auf James Baldwin – der Geschichte der Weltliteratur[5] entstammen und kanonischen Status haben. Autoren der schwulen Subkultur wie Edmund White, John Rechy und Dennis Cooper sind nur vereinzelt vertreten. Anders sieht es mit der Besten-Liste der der Leser aus: The Front Runner von Patricia Nell Warren, The Hours von Michael Cunningham, The Charioteer von Mary Renault, Like People in History von Felice Picano und A Home at the End of the World von Michael Cunningham sind die ersten fünf Bücher auf der Liste, die sich inhaltlich mit einer homoerotischen Thematik befassen. Interessanterweise befinden sich auf den Spitzenplätzen also auch Schriftstellerinnen, wobei der Fokus hier durchgängig auf englischsprachigen Texten liegt. Auch sind sowohl Autoren vertreten, die sich – wie Felice Picano – der schwulen Subkultur zuordnen, als auch Autoren wie Michael Cunningham, die es ablehnen, als „schwule Autoren“ kategorisiert zu werden. Auch befinden sich in der Leserliste keiner der Klassiker der Weltliteratur wieder. Lediglich Thomas Mann und Jean Genet sind vertreten, jedoch mit anderen Titeln: Bekenntnisse des Hochstaplers Thomas Krull und Querelle, Pompes funèbres und Journal du voleur. Da es keine konkreten Kriterien für die Auswahl der beiden Listen gibt, ist es unmöglich definitive Aussagen zu treffen. Es ist jedoch eindeutig, dass zum einem unterschiedlich bewertet wird, welche Werke von kanonischen Autoren die besten sind, zum anderen aber auch, was überhaupt gute schwule Literatur sein soll. An anderer Stelle hat der Verband ein paar ausgewählte Kommentare der Leser veröffentlicht, welche diese bei der Abstimmung abgegeben haben. Hier fällt bei der Auswahl der Bücher durch die Leser ein wichtiger Faktor besonders auf:

How could you have left Patricia Nell-Warren’s groundbreaking novel The Front Runner off of your list? […] It was the first gay love story to ever make the New York Times Best Seller list. […] More importantly, at a time when gay men and lesbians could find no positive portrayals of themselves in mainstream culture, this novel made it to the top of the national publishing industry with a gentle and loving portrayal of a gay relationship. This novel provided a glimmer of hope, a reassurance of normalcy, for gay and lesbian youth around the world. This is a novel that did not simply entertain or inform, though it did those; it is a novel that literally saved lives! The Front Runner is not only one of the most important gay novels ever published, it is a piece of our history as a movement and as a social force. Without courageous voices like Patricia’s at a time when most of us were still cowering in the closet, we would not be where we are today.[6]

Hier finden sich viele der eingangs beschriebenen Qualitäten wieder, welche schwule Literatur besitzen soll, im Vordergrund stehen auch soziale und politische Aspekte, aber auch persönliche Empfindungen. Diese sind aber auch in der Leserliste durchaus unterschiedlich. Immerhin haben die Leser Autoren gewählt, die das Thema Homosexualität als nebensächlich betrachten und solche, die es in den Mittelpunkt stellen. Denn: „Je unterschiedliche Gruppen einer Gesellschaft haben je unterschiedliche Bedürfnisse nach Identifizierung und Differenzierung.“[7] In dieser Hinsicht ist es auch bezeichnend, dass beide Listen nicht schlicht und einfach zusammengefügt wurden. Ein weiteres interessantes Beispiel ist Goodreads, „the world’s largest site for readers and book recommendations“, auf der Mitglieder sehen können, was ihre Freunde lesen, gelesen haben, lesen wollen und wie sie die gelesenen Bücher bewerten.[8] Ebenso können Mitglieder hier Listen mit einem bestimmten Themenschwerpunkt erstellen, denen andere Mitglieder Bücher hinzufügen können und deren Ranking durch Stimmenvergabe regelmäßig aktualisiert wird. Eine dieser Listen mit dem Titel „Classic Gay Male Fiction“ wird wie folgt zusammengefasst: „Classic, well written books that feature gay men or gay couples as the protagonists.“[9] Hier steht also sowohl die Thematik als auch der ästhetische Anspruch der Texte im Mittelpunkt. Ähnlich wie die die Leserliste auf The Publishing Triangle finden sich auf der Liste viele der subkulturellen Klassiker der amerikanischen schwulen Literatur wie Edmund White, Mary Renault, Armistead Maupin und Andrew Holleran. Die ersten fünf Plätze sind (momentan) jedoch deutlich ausgeglichener: Maurice von E.M. Forster, Brokeback Mountain von Annie Proulx, A Single Man von Christopher Isherwood, Giovanni’s Room von James Baldwin und The Picture of Dorian Gray von Oscar Wilde. Der Tod in Venedig von Thomas Mann befindet sich auf Pöatz 20, André Gide ist wiederum mit Les Faux-Monnayeurs vertreten, während Marcel Proust, Herman Melville und Jean Genet nicht auftauchen. Dafür befinden sich auf der Liste aber auch vereinzelt weitere kanonische Autoren wie Platon und Marquise de Sade. Ähnlich wie in The Penguin Book of Gay Verse sind in dieser Liste dementsprechend sehr unterschiedliche Texte versammelt. Aufgrund der Beschreibung der Liste wird jedoch deutlich, dass – in Ansätzen – Leser immer weniger zwischen den unterschiedlichen ästhetischen Ansprüchen verschiedener Epochen unterscheiden. Was in gewissen Kreisen zuvor noch reine schwule Literatur der Subkultur war, wird hier hinsichtlich der ästhetischen Aspekte aufgewertet. Kanones wiesen lange „eine Tendenz zur Universalisierung [auf, um] über möglichst lange […] Zeiten hinweg und für möglichst alle Mitglieder einer Nation, Gesellschaft oder Gemeinschaft [zu] gelten“.[10] In „zunehmend stark differenzierten modernen, demokratischen Gesellschaften“[11] existieren jedoch zunehmend Kanones parallel zueinander. Interessanterweise sind allgemeine Leser dazu bereit, kanonähnliche Listen zu erstellen, die diese Ansprüche vereinen und die sich nicht davor scheuen, grundverschiedene Ästhetiken nebeneinander stehen zu lassen. Diese Liste vollbringt diesen Sprung natürlich nur als Tendenz, bietet jedoch genau darin einen Ansatz für einen zukunftsträchtigen Kanon schwuler Literatur. Dieser Kanon ist nicht als starr und vollständig zu verstehen. Im Laufe der Zeit wird (und muss) die Grenze zwischen Klassikern und Werken des kulturellen Gedächtnisses oszillieren, schon allein um den sich wandelnden Vorstellungen von Identität und Sexualität gerecht zu werden. Aber auch innerhalb einer Epoche sind die Bedürfnisse, die Leser an solch einen Kanon stellen unterschiedlich – es gibt sowohl Leser, die ihre Identität dadurch bestätigt sehen, dass Autoren sich und ihre Werke nicht hauptsächlich über das Thema der Sexualität definieren, aber auch solche, die genau darin Trost finden. Um eine Sentimenthek zu sein, wie sie Didier Eribon beschreibt, eine Bibliothek, die ihren Lesern mehr als in einem Sinne etwas bedeutet und sie im Kampf gegen Herrschaftsansprüche bestätigt, muss ein Kanon der schwulen Literatur Mut zum Widerspruch beweisen.


[1] Vgl. Herrmann, Leonard: Kanondynamik. In: Handbuch Kanon und Wertung. 2013. S.104.

[2] Vgl. Ebd.

[3] Vgl. Ebd.

[4] Vgl. o.A.: The Best Gay and Lesbian Novels, unter:

http://www.publishingtriangle.org/100best.asp (zuletzt aufgerufen: 09.06.2019).

[5] vgl. Szerb, Antal: Geschichte der Weltliteratur. Aus dem Ungarischen übertragen und mit Anmerkungen von András Hron. Mit einem Nachwort von György Poszler. Basel: Schwabel Verlag, 2016.

[6] Vgl. Gorman, Michael R.: Comments: unter.:

http://www.publishingtriangle.org/comments.asp (abgerufen: 09.06.2019). (Hervorhebung vom Verfasser).

[7] Herrmann, Leonard: Kanondynamik. In: Handbuch Kanon und Wertung. 2013. S.104.

[8] Vgl. o.A.: About us, unter: https://www.goodreads.com/about/us (abgerufen: 10.06.2019).

[9] Vgl. o.A.: Classic Gay Male Literature, unter:

https://www.goodreads.com/list/show/9347.Classic_Gay_Male_Literature (abgerufen: 10.06.2019).

[10] Vgl. Rippl, Gabriele u. Straub, Julia: Zentrum und Peripherie. In: Handbuch Kanon und Wertung.  2013. S.112.

[11] Vgl. Ebd.

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