3. Kanonformen – 3.3 Der schwule Kanon als Kanon der Klassiker

Der schwule Kanon als Kanon der Klassiker

Betrachtet man die verschiedenen Erscheinungsformen des Kanons der Weltliteratur, fällt auf, dass diese viele Klassiker der schwulen Literatur bereits enthalten. Eine Literaturtradition „which gives Melville, Thoreau, and Henry James significant places cannot be said to underrepresent homosexual writers.“[1] Es handelt sich bei diesem Beispiel wohlgemerkt um einen amerikanischen Kanon, der andere Nationalliteraturen ignoriert. Trotzdem wirft diese Beobachtung einige wichtige Fragen auf. Erstens: Was ist ein Klassiker? Und zweitens: Sind die Klassiker des Mainstream-Kanons auch Klassiker des schwulen Kanons?

Als Klassiker gelten in der Regel Texte, die als „foundational works for their culture“[2] fungieren und welche die Fähigkeit besitzen, „to influence other works […] and challenge the imagination and talent of the writers who come after [them]“[3]. Ein weiterer, nicht zu vernachlässigender, Faktor ist die Ästhetik. Kanones können durch die Texte, die sie als besonders ästhetisch präsentieren, beispielweise so die ästhetischen Normen einer Gesellschaft festigen – darunter fallen aber durchaus auch ethische Wertmaßstäbe, wodurch die Identität einer Gesellschaft  gestiftet und stabilisiert werden kann.[4] David Damrosch sieht in einer Definition von Weltliteratur, welcher Ästhetik als Kriterium mit einschließt, – als Teil seines World Literature Programms, welches aus Texten besteht, die als Klassiker, Meisterwerke und Fenstern zur Welt klassifiziert werden – den Vorteil, dass diese Definition auch zeitgenössische Literatur mit einbezieht: „The world masterpiece can be recognized almost as soon as it is published to glowing reviews and begins to circulate in translation.“[5] Ein Klassiker, der wie ein Meisterwerk der Weltliteratur auch ästhetisch ansprechend sein muss, qualifiziert sich nicht als solcher durch „zeitlose ‚Eigenschaften‘ des Textes, sondern […] Dialoge, die Wertungsakteure im Verlauf der Rezeptionsgeschichte mit dem Text führen“.[6] Dieses Kriterium ist entsprechend kein vollständig textinternes, also nicht nur abhängig von der Qualität des Textes, sondern auch von der Qualität des Dialogs und den Fähigkeiten der Dialogführenden.[7] Der Text muss aber auch ausreichend kulturelle und persönliche Anknüpfungspunkte für den Dialogführenden bereithalten, damit das Werk kanonfähig wird.[8] Was aber diese kulturellen und persönlichen Anknüpfungspunkte sind, also „[w]as eine Kultur über längere Zeit hinweg hoch wertet“[9], wird auch von sozialen Aspekten bestimmt, „denen das Oppositionspaar ‚Zentrum – Rand‘ zugrunde liegt“[10]. Dazu sagt Barbara Herrnstein Smith: „Since those with cultural power tend to be members of socially, economically, and politically established classes […], the texts that survive will tend to be those that appear to reflect and reinforce established ideologies.“[11] Abgesehen davon, dass Wertmaßstäbe von kanonischen Werken alles andere als universell sind, repräsentieren sie nicht „eine ganze Gesellschaft, sondern vielmehr ihre Eliten.“[12]

Auch weißen homosexuellen Männern ist der Vorwurf gemacht worden, dass sie sich zu schützen wussten, indem sie sich mit den Eliten einer Gesellschaft verbündeten.[13] Es stellt sich die Frage, ob ein schwuler Kanon, dessen Klassiker aus dem „Mainstream-Kanon“ stammen, überhaupt subversiv sein kann. Im Frankreich der Nachkriegsjahre wurde beispielsweise lange Zeit nur Jean Genet literaturwissenschaftliche Aufmerksamkeit geschenkt, „weil er als existentialistischer Entwurf des Anderen stilisiert werden kann.“[14]

Es gibt nicht den einen internationalen Kanon schwuler Literatur.[15] Ähnlich wie beim Kanon der Weltliteratur gibt es von ihm unterschiedliche Ausprägungen, die sich, wie bereits beschrieben, anhand der unterschiedlichen Anthologien entwickelt haben, die im Laufe der Zeit veröffentlicht wurden. In ihren Ansätzen sind sie jedoch vergleichbar – und entsprechend auch zu hinterfragen.

Der schwule Kanon wurde von „bookish homosexuals“[16] konstruiert, oftmals an Universitäten, wo die jungen Männer eine klassische Ausbildung genossen haben. Mit dem Versuch Literatur zu funktionalisieren und für emanzipatorische Zwecke zu nutzen, hat sich die Schwulenbewegung sogar die Literarizität der Weltliteratur zunutze gemacht, indem sie sich auf Autoren wie Platon, Shakespeare, Walt Whitman, Thomas Mann und Oscar Wilde beruft.[17] Weltliteratur ist „einerseits ein Qualitätssiegel“[18], andererseits ist die Nennung dieser kanonischen Autoren auch als Argument der Universalität der homoerotischen Gefühle zu verstehen.[19] Keilson-Lauritz unterscheidet innerhalb der schwulen Literatur zwischen zwei Sorten von Klassikern: Solche Klassiker, die auch Teil des Mainstream-Kanons als Klassiker gelten und solche, die nur innerhalb der schwulen Subkultur zu den Klassikern gezählt werden.[20] Das hat viel mit der Ästhetik oder auch Literarizität der Texte zu tun. Denn schwule Literatur, die sich selbst auch als solche versteht, hat es sich größtenteils zur Aufgabe gemacht, Homosexualität realistisch und in einem positiven Licht darzustellen.[21] Auch der Roman Less von Andrew Sean Greer, der 2018 den Pulitzerpreis für Belletristik gewonnen hat, reflektiert die Tatsache, dass der schwule Kanon im elitären Umfeld der Universitäten entsteht, wo er den Anspruch einer positiven Darstellung homosexueller Leben genügen muss:

Don’t pretend you haven’t noticed. You’re not in the canon. […] The gay canon. The canon taught at universities. […] It is our duty to show something beautiful from our world. The gay world. But in your books, you make the characters suffer without reward. If I didn’t know better, I’d think you were Republican. Kalipso was beautiful. So full of surrow. But so incredibly self-hating.[22]

Die literarischen Errungenschaften der Figur Arthur Less in ihrem Roman Kalipso sind dementsprechend nichts wert, solange sie nicht den moralischen Ansprüchen der Vertreter des universitären Umfelds entsprechen. Schwule Literatur wird dementsprechend oft als das definiert, was noch an Literatur der schwulen Subkultur übrigbleibt, nachdem die Werke der Weltliteratur abgezogen worden sind.[23] Ruft man sich die Motive vor Augen, die beispielsweise in den Werken von Thomas Mann mit dem Thema der Homosexualität verknüpft werden, – beispielsweise wird das Motiv der Krankheit wiederholt mit Homosexualität in Verbindung gebracht –[24] ist das Bestreben, solche Werke vom schwulen Kanon auszuschließen, natürlich nur konsequent. Interessanterweise wählt Robert Drake einen anderen Ansatz, wenn es um die Qualität schwuler Literatur geht:

Many gay men […] frequently complain about the lack of quality or the unavailability of gay culture. [Gay Readers] feel adrift, seperated, finding queer art muddied by straight culture’s co-opting of it. This dilutes our culture within the mainstream and makes it harder to see its specific queer influence, its gay interdependence on other works.[25]

Während Drakes The Gay Canon durchaus Klassiker wie Thomas Manns Der Tod in Venedig und Oscar Wildes Werke enthält, spart er moderne Klassiker wie The Lost Language of Cranes aus, also Romane, die sich gezielt nicht als schwule Literatur verstehen und sich an eine breite Leserschaft wenden wollen. So spielen bei Drake also die intertextuellen Einflüsse der schwulen Literatur untereinander eine größere Rolle, eine Eigenschaft, die eingangs bereits als typisch für einen Klassiker beschrieben wurde. Romane, die diese Einflüsse sozusagen verwässern, sind für den schwulen Mann – sein erklärtes Zielpublikum – nicht von Interesse. Allgemein wird aber die Frage, was einen Klassiker der schwulen Literatur ausmacht, auch unter politischen und sozialen Aspekten verhandelt. Ob diese Ausschlussverfahren jedoch richtig sind, ist eine andere Frage, denn „[a]ll canons are naturally élitist, more exlusive than they are inclusive.“[26] Was für Ausschlusskriterien von Minderheiten im Mainstream-Kanon gilt, gilt auch für Ausschlusskriterien von Werken der Weltliteratur aus dem schwulen Kanon. Eine als Kanon fungierende Anthologie – The Penguin Book of Homosexual Verse, 1983 herausgegeben von Stephen Coote – wurde wiederum dafür kritisiert, zu umfassend zu sein.[27] Denn ‚hohe‘ Literatur wie die Shakespeares und Homers steht hier parallel zu „sexually celebratory verse of the stonewall era“.[28] Das Problem für viele Kritiker ist natürlich, dass diese Texte zusammengefasst werden, weil sie thematisch miteinander verwandt sind, nicht weil sie alle einen gewissen ästhetischen Anspruch – wie auch immer dieser genau aussehen soll – entsprechen. Aber wie gerechtfertigt ist solche eine Kritik? Gregory Woods weist auch hier darauf hin, dass sich die Sammlung an eine schwule Leserschaft richtet, diese zu erfreuen und ein Gefühl von kultureller Solidarität zu erzeugen.[29] Auch Stephen Cootes Anthologie versucht wie andere Kanones auch die Identität einer Gruppe zu stiften und zu unterstützen. Dabei spielen sowohl ästhetische als auch moralische Wertungen, wie auch im Mainstream-Kanon, eine große Rolle. Auch eine Weltliteratursammlung, wie sie sich David Damrosch vorstellt, arbeitet zeitlich und geographisch vertikal und horizontal. Altes und Neues stehen nebeneinander, Meisterwerke, Klassiker und Fenster zur Welt müssen nicht die gleichen ästhetischen Ansprüche erfüllen und können es auch gar nicht. Zum einem unterscheiden sich ästhetische Ansprüche von Epoche zu Epoche, aber auch von Kultur zu Kultur. Zum anderen entsprechen einige Klassiker auch gar nicht den Vorstellungen von Ästhetik ihrer Zeit und mussten von Kritikern lange Zeit verteidigt werden.[30] Warum sollte schwule Literatur also einen viel höheren Standard erfüllen müssen? Ein Blick auf die sozialen Netzwerke des Internets offenbart, dass sich diese unterschiedlichen Ansprüche womöglich miteinander verbinden lassen.


[1] Vgl. Bergman, David: Gaiety Transfigured. Gay Self-Representation in American Literature. Madison: University of Wisconson Press, 1991. S.11.

[2] Vgl. Damrosch, David: Introduction. In: Teaching World Literature. S.11.

[3] Vgl. Drake, Robert: The Gay Canon. 1998. S.XVIII.

[4] Vgl. Rippl, Gabriele u. Winko, Simone: Einleitung. In: Handbuch Kanon und Wertung. 2013. S.2

[5] Vgl. Damrosch, David: Introduction. In: Teaching World Literature.  2009. S.4.

[6] Vgl. Freise, Matthias: Normative Kanontheorien. In: Handbuch Kanon und Wertung. 2013. S.50.

[7] Vgl. Ebd. S.50f.

[8] Vgl. Ebd. S.51.

[9] Vgl. Rippl, Gabriele u. Straub, Julia: Zentrum und Peripherie: Kanon und Macht (Gender, Race, Postcolonialism). In: Handbuch Kanon und Wertung. 2013. S.112.

[10] Vgl. Ebd.

[11] Smith Herrnstein, Barbara: Contingencies of Value. Alternative Perspectives of Critical Theory. Cambridge: Harvard University Press, 1988. S.51.

[12] Vgl. Beilein, Matthias: Deskriptive Kanontheorien. In: Handbuch Kanon und Wertung. 2013. S.68.

[13] Vgl. Keilson-Lauritz, Marita: Die Geschichte der eigenen Geschichte. 1997. S.326.

[14] vgl. Naguschewski, Dirk u. Schrader, Sabine: Homosexualität – ein Thema der französischen Literatur und ihrer Wissenschaft. In: Sehen Lesen Begehren. 2001. S.16.

[15] Vgl. Busch, Alexandra u. Linck, Dirck: Vorwort. In: Frauenliebe, Männerliebe. 1997. S.VI.

[16] Vgl. Woods, Gregory: A History of Gay Literature. 1999. S.3.

[17] Vgl. Keilson-Lauritz, Marita: Die Geschichte der eigenen Geschichte. 1997. S.269.

[18] Vgl. ebd. S.320.

[19] Vgl. ebd.

[20] Vgl. ebd. S.198.

[21] Vgl. Naguschewski, Dirk u. Schrader, Sabine: Homosexualität – ein Thema der französischen Literatur und ihrer Wissenschaft. In: Sehen Lesen Begehren. 2001. S.16.

[22] Vgl. Greer, Andrew Sean: Less. New York: Lee Bordeaux Books, 2017. S.143f.

[23] Vgl. Keilson-Lauritz, Marita: Die Geschichte der eigenen Geschichte. 1997. S.323.

[24] Vgl. Lorey, Christoph u. Plews, John L.: Defying Sights in German Literature and Culture. In: Queering the Canon. 1998. S.xvii.

[25] Vgl. Drake, Robert: The Gay Canon. 1998. S.XXf.

[26] Vgl. Woods, Gregory: A History of Gay Literature. 1999. S.237.

[27] Vgl. Ebd. S.8.

[28] Vgl. Ebd.

[29] Vgl. Ebd.

[30] Vgl. Freise, Matthias: Normative Kanontheorien. 2013. S.50.

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