GASTfreundschaften: Stadtschreiberin Judith Kuckart trifft Gunther Geltinger

Gunther Geltinger bei der GASTfreundschaften Lesung im Literaturhaus Dortmund

Bewegte Bilder und bewegende Bilder. Doch wen bewegen sie? Den Autor, die Figuren, den Leser? Die Dortmunder Stadtschreiberin Judith Kuckart hat am 20.10.2020 Gunther Geltinger ins Literaturhaus Dortmund eingeladen, um mit ihm das Verhältnis zwischen Text und Film zu verhandeln.

Geltinger ist Grenzgänger. Oder vielleicht muss es auch heißen: Geltinger ist Grenzüberschreiter. Es begann mit der Flucht aus dem Heimatdorf (die Abrechnung erfolgte im Debütroman Mensch Engel, wie alle seine Romanen im Suhrkamp Verlag erschienen) und dem Studium an der Universität für Musik und Darstellende Kunst in Wien. Denn eigentlich wollte er Regisseur und nicht Schriftsteller werden. Die Sterilität, das so ganz und gar nicht poetische Filmset, auf dem Regisseur, Schauspieler und Crew scheinbar nur darauf warten, dass etwas passiert, drängten ihn zum Schreiben. Vom Drehbuch zur Lyrik und von der Lyrik zur Prosa. Und auch deswegen versteht Gunther Geltinger sich heute als jemand, der Bilder schreibt.

Was bedeuten die geschriebenen Bilder? Sie bedeuten vor allem das, was Leser*innen in ihnen finden, die eigene Biografie prägt unsere Leseerfahrungen. Vinz, den gläsernen Schwulen, den Meister der Autofiktion aus Gunther Geltingers aktuellem Roman Benzin, treibt die Frage um, wen diese Bilder bewegen. Wie Pietro aus Teorema – Geometrie der Liebe  von Pier Paolo Pasolini (der als Dichter und Regisseur auch ein Grenzgänger war) will Vinz durch die Kunst eine eigene Welt schaffen, für die es keinen Vergleich gibt. Auch er will mit dem Ringen der Sprache zur Wahrheit vordringen, erschafft aber nur Plagiate. Plagiate wie die Gefühle, die Vinz mit seinem Schreiben hervorrufen will, die nicht er, aber vielleicht seine Leser*innen empfinden können.

Pasolinis Teorema und Der Fluss war einst ein Mensch von Jan Zabeill, das sind die Filme, die bewegten Bilder, die während der Lesung in Ausschnitten präsentiert wurden. Der Fluss war einst ein Mensch ist ohne Drehbuch in Südafrika entstanden, das Leben hat sozusagen den Film geschrieben, und teilt viele Motive mit Benzin: das Motiv der Dunkelheit als physische Erfahrung, zyklische Zeitverhältnisse (welche sich womöglich auch in den auf das Alphabet ausgelegten Kapitelüberschriften des Romans wiederfinden), Flüsse in ihrer Zeitlosigkeit, das Verlangen sich überfordern zu lassen und sich der Erfahrung hinzugeben, auf sich selbst zurückgeworfen zu sein und daraus folgend die essentielle Frage: Was tue ich hier eigentlich? Denn als weißer Tourist wird man in einem Land wie Südafrika auch immer mit seinen eigenen Privilegien und der eigenen kolonialen Geschichte konfrontiert.

Bebildern die Filmszenen den Roman? Oder sind sie als Kommentar, als eine Art Fußnote zu verstehen? Diese Frage wurde in der Lesung nicht beantwortet, aber genau in dieser Leerstelle liegt der Reiz. Sie bietet Unmengen an Potential, die Lektüre zu reflektieren, die Motivdichte des Romans weiter zu verfolgen – und auch zusammenzuführen. Denn auch die Autofiktion als Thema fällt in diese Leerstelle. Geltingers Romane beinhalten immer wieder Figuren, die über sich und ihr Leben schreiben, und deren Biografien stellenweise mit der des Autors übereinstimmen. Über das Verhältnis von Autofiktion und dem Tod hat er dann vor kurzem auch auf 54books.de geschrieben.

Gewaltige Sprach(bilder), beeindruckend vorgetragen: Wer bereits auf einer Gunther Geltinger Lesung war, weiß, was einen erwartet. Das bewegte Bild war neu, aber eine willkommene Ergänzung. Eine Frage bleibt jedoch offen: Wann gibt es die nächste Ausgabe dieser Lesereihe zu den beiden Vorgängerromanen Moor und Mensch Engel?

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