Auf Spurensuche

Die Geschichte der LGBTQ Literatur ist eine Geschichte der Spurensuche. Schon im viktorianischen England haben Studenten in Oxford Listen von Männern liebenden Männern erstellt, um ihr eigenes Begehren zu ergründen. Und auf solche eine Liste hat sich auch Oscar Wilde berufen, als ihm wegen seiner Homosexualität 1885 der Prozess gemacht wurde: David und Jonathan, Platon, Michelangelo und Shakespeare, sie alle sind Beispiele der Liebe, die ihren Namen nicht nennen darf.

„Help these boys build a nation their own. Ransack the histories for clues to their past. Plunder the literatures for words they can speak. And should you encounter an ancient tribe whose customs, however dimly, cast light on their hearts, tell them that tale; and you shall name the unspeakable names of your kind and in that naming, in each such telling, they will falter a step to the light.“

Jamie O'Neill - At Swimm, Two Boys

Marcel Proust, André Gide, Jean Genet, Josef Winkler und Hubert Fichte, auch zwischen diesen Autoren und ihren Texten besteht eine Verbindung. Die intertextuellen Beziehungen, die Vernetzung der Texte untereinander und wie sie sich gegenseitig nähren und bereichern, das ist das, was die schwule Literatur unter anderem so spannend macht.

“There is no thing as a single-issue struggle because we do not live single-issue lives.”

Audre Lorde

Gleiches gilt für die lesbische Literatur: Sappho, Radclyffe Hall, Annemarie Schwarzenbach, Patricia Highsmith und Audre Lorde, das sind nur wenige der Namen, ohne welche die lesbische Literatur nicht denkbar wäre. Für Nicole Dennis-Benn ist Audre Lorde zu einem Symbol der Freiheit geworden: die Freiheit sie selbst sein zu dürfen und die Freiheit, sich als schwarze lesbische Frauen in der Literatur wiederzufinden. Audre Lorde hat in ihren Texten immer wieder bewiesen, dass sie sich der Komplexität der Welt stellen will, dass es darum geht, das Gleiche, das Ähnliche, aber vor allem die Differenzen in unseren Erfahrungen auszuloten. Auch deswegen stand sie im regen Austausch mit der jüdischen Feministin Adrienne Rich.

Auch die trans Literatur beginnt einen eigenen Kanon herauszubilden. Leslie Feinberg und Charlotte von Mahlsdorf wurden oft dem lesbischen beziehungsweise dem schwulen Kanon zugeordnet. Mittlerweile – auch weil sich die Begrifflichkeiten ändern – ist es möglich, aus literaturhistorischer und auch gesellschaftlicher Perspektive herauszuarbeiten, was diese Literatur auszeichnet.

Abseits von jeglichen theoretischen Überlegungen ist der Dialog zwischen den Texten und ihren Leser*innen greifbar, weil er Beweis dafür ist, dass die LGBTQ Literatur ein identitätsstiftendes Medium ist.

Der rosa Winkel

Der rosa Winkel war die Kennzeichnung homosexueller Männer, die in den Konzentrationslagern der Nazis inhaftiert waren. Für viele von ihnen kam der Tag der Befreiung nicht, denn das Ende des Zweiten Weltkrieges und die Befreiung der Konzentrationslager bedeutete, dass die Männer mit dem rosa Winkel ihre restliche Haftstrafe in einem deutschen Gefängnis verbringen mussten. Sie waren verurteilte Verbrecher, keine Opfer des Nazi-Regimes. Die Betroffenen haben oft Zeit ihres Lebens über diese Ereignisse geschwiegen, auch weil der Paragraph 175 noch lange Teil der schwulen Lebensrealität war. Heinz Hegers Bericht Die Männer mit dem rosa Winkel hat das geändert.

Seit den 1970ern haben schwule Aktivisten in Deutschland den rosa Winkel auf Demonstrationen getragen, um sich kämpferisch nach außen zu repräsentieren. Auch die Aktivist*innen von ACT UP haben auf den Demonstrationen gegen die Apathie der Politik bezüglich der AIDS Epidemie den rosa Winkel für ihre Zwecke genutzt. Negative Zuschreibungen in etwas Positives verwandeln ist ein fester Bestandteil der LGBTQ Bewegung. Oder wie Didier Eribon schreibt: „Ich könnte mir die metaphernreiche, blühende Sprache Genets zu eigen machen und schreiben, dass irgendwann die Zeit kommt, wo man den Rotz, mit dem man bespuckt wird, in Rosen verwandelt, die Beschimpfungen in Blumenkränze und Sonnenstrahlen.“

Heute begrüßt die britische Buchhandlung Gay’s The Word ihre Besucher mit dem rosa Winkel und auch die Bibliothek rosa Winkel als Teil des Männerschwarm Verlags hat ihn in ihren Namen und ihrem Logo integriert. Books are gay as fuck sieht sich in dieser Tradition. LGBTQ Literatur entsteht immer – direkt oder indirekt – in dem Wissen, dass es diese Vergangenheit gibt. Und auch in diesem Sinne hat queere Literatur in ihrer Gesamtheit eine eigene Geschichte, eine Geschichte, die schmerzt, aber auch ein Zeichen des Widerstands ist.

Über mich

Ich bin Marlon, Jahrgang 1989. Wie Didier Eribon Arbeiterkind und wie André Aciman Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft studiert (an der Ruhr-Universität Bochum). Wohnhaft in Dortmund, ein literarischer Vergleich ist hier leider nicht möglich. Und natürlich gay as fuck.

Marlon Brand